Systemfehler: Emotionslosigkeit

Verrostetes Schiff, das im aufgebrochenen Eis feststeckt – Symbolbild für Emotionslosigkeit, Erstarrung und fehlende Lebendigkeit in Systemen und Unternehmen.

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Heute bin ich auf einen Beitrag gestoßen, in dem ein KI-gestütztes Bewertungssystem damit beworben wurde, „ohne Emotionen“, „objektiv“ und „nicht manipulierbar“ zu sein.

Und obwohl ich den Wunsch nach mehr Fairness und weniger Manipulation nachvollziehen kann, ließ mich dieser Beitrag erschauern.

„Ohne Emotionen.“

Warum eigentlich glauben wir, dass Gefühle das Problem seien? Aus meiner Sicht sind Emotionen nicht einfach Chaos. Im Gegenteil.

Emotionen sind Informationen über Grenzen, Vertrauen, Angst, Sicherheit, Beziehung, ungelöste Konflikte und über den aktuellen Zustand jenes Nervensystems, das diese Gefühle gerade hat.

Wer sich ein wenig mit Menschen, Nervensystemen oder Gruppenprozessen beschäftigt, merkt schnell, dass nicht die Gefühle an sich Chaos erzeugen, sondern Gefühle, die im Unbewussten versuchen, auf sich aufmerksam zu machen, weil sie verdrängt oder aus dem bewussten Erleben ausgeschlossen werden.

Gefühle verschwinden nicht einfach, nur weil wir sie aus Systemen eliminieren wollen. Dann wirken sie eben im Untergrund weiter und zwar als:

  • passive Aggression,
  • kalte Bürokratie,
  • Burnout,
  • Machtkämpfe,
  • Zynismus,
  • Kontrollzwang,
  • oder scheinbar „sachliche“ Härte.

Mir macht die Idee völliger Emotionslosigkeit aus mehreren Gründen Angst.

Erstens: Sie erzeugt Eisigkeit. Emotionen lassen sich nicht selektiv ausschalten. Wir können also nicht einfach „störende“ Gefühle ausschalten, sondern wir schalten Gefühl aus. Und so verschwinden oft auch Mitgefühl, Resonanz und echte Beziehung.

Zweitens: Hier wird etwas Unmögliches verlangt. Nämlich einen Menschen ohne menschliche Bedingtheit. Es gibt keine vollständig objektive Wahrnehmung. Schon die Frage, WAS gemessen wird, ist eine menschliche Entscheidung. Auch Datenmodelle, KI-Systeme und Bewertungslogiken tragen immer Werte, Gewichtungen und Weltbilder in sich.

Wer nach totaler Objektivität strebt, strebt nach Handlungsunfähigkeit. António Damásio hat bewiesen, dass Menschen ohne Zugang zu ihren Gefühlen an den simpelsten Alltagsentscheidungen scheitern. Die Wahl zwischen Blau oder Schwarz beim Stift wird zur unlösbaren mathematischen Gleichung, wenn die Resonanz fehlt.

Und drittens: Mich beschäftigt die Frage, was mit Menschen passiert sein muss, damit die Vorstellung völliger Emotionsfreiheit überhaupt erst attraktiv wirkt. Die Sehnsucht nach Sicherheit, Kontrolle, einer berechenbaren Welt und nach weniger Verletzung, Manipulation und Chaos kann ich wirklich gut verstehen. All das kann sehr erschöpfend sein, wenn wir nicht wissen, wie wir damit so umgehen können, dass es uns stärker macht.

Doch der Ansatz, Emotionen aus dem Leben wegrationalisieren zu wollen, wird das Problem eher verstärken. Das Problem moderner Systeme sind nicht Emotionen, sondern unbewusste Emotionen.

Aus meiner Sicht brauchen wir deshalb nicht weniger Menschlichkeit in unseren Systemen, sondern mehr bewussten Umgang mit ihr.

Emotionen und Beziehung sind keine Störfaktoren. Sie sind das Vollkornbrot des Lebens. Auch in Unternehmen.

Lust, Emotionen in eurem Unternehmen nicht länger als Störfaktor zu behandeln, sondern als Information?

Emotionen und Beziehung sind keine Störfaktoren. Sie sind Teil jeder Zusammenarbeit.

Ich begleite Teams und Führung dabei, Konflikte, Spannungen und emotionale Dynamiken im System bewusster zu verstehen, damit Arbeit wieder lebendiger, klarer und menschlicher werden kann.

Melde dich gern, wenn du dein Unternehmen hier wiedererkennst.



Tanja Richter - ein Portrait

Über die Autorin:

Tanja Richter begleitet seit vielen Jahren Menschen auf ihrem inneren Weg und unterstützt Menschen, die selbst mit Menschen arbeiten, dabei, Begleitung traumasensibel, nervensystemfreundlich und beziehungsorientiert zu gestalten.

Sie verbindet aktuelles Wissen zu Nervensystem und Trauma mit schamanisch-spiritueller Erfahrung und einer klaren, bodenständigen Praxis, die im echten Alltag trägt – auch dann, wenn es schwierig wird.

Erfahre mehr über Tanja Richter und ihre Angebote für Menschen, die andere Menschen professionell begleiten …

Es grüßt dich herzlich

Tanja Richter



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