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Die Feier des Mutes, einer Möglichkeit Gestalt zu geben
Mit Beltane konnte ich lange nichts anfangen. Oder, noch „schlimmer“, in Bezug auf Beltane hatte ich immer ein deutliches Unbehagen.
Wenn ich im Netz nach Texten über Beltane gesucht habe, habe ich oft etwas über wilde Frauen am Feuer, Fruchtbarkeit, ungezügelte Lebenskraft, die sich einfach Bahn bricht, ohne zu fragen, gelesen. Und ich konnte die Freude über diese ungezügelte Kraft nicht spüren.
Das heißt nicht, dass ich die Lebenskraft an sich nicht spüren kann. Ich nehme sie mit jeder Faser meines Seins wahr, wenn ich in einem Wald unterwegs bin, in einem See bade, ich mich über eine Beziehung freue, ein Projekt ins Leben rufe oder ein Glas Wein genieße. Und wirklich – ich liebe diese Lebensenergie.
Was mich daran irritiert hat und was ich nicht mag, ist das Ungezügelte, das Wachstum um des Wachstums willen. Es überfordert mich. Und ich kann aus ehrlichem Herzen sagen, ich mag es nicht.
Auch an dieser Stelle … es geht mir nicht um das Chaos. Ich kann mit Chaos gut umgehen. Jede Veränderung bringt Chaos mit sich. Dem kann ich mich gut hingeben. Doch ungezügeltes Wachstum kann Krebs hervorbringen, Machtphantasien, eine Sucht oder auch eine Wirtschaft, die alles platt macht, weil sie eben wachsen möchte.
Eine ganze Zeit lang habe ich mich gefragt, was mit mir nicht stimmt, dass ich mit Beltane nichts anfangen konnte. Schließlich bin ich doch Schamanin. (Ja, auch eine Schamanin kann Selbstzweifel haben.) Wie immer, wenn mich etwas irritiert, habe ich hingeschaut und nun teile ich das Ergebnis hier mit dir.
Wildheit versus Anpassung
Die Wildheit
Mein Unbehagen gegenüber Beltane mag besonders deutlich werden, wenn wir auf das Thema Sexualität schauen.
Ich hatte ein sehr strenges Elternhaus. Ein Satz, den ich immer wieder gehört habe, war: „Was willst du denn für Freiheiten haben, wenn du erwachsen bist.“ Und mit diesem Satz wurde mir verboten z.B. am frühen Abend zum Schwimmen zu gehen, während meine Mitschüler*innen sich fröhlich im Wasser tummelten.
Als ich schließlich volljährig war, lebte ich meine Freiheit aus. Das bedeutete für mich auch, sehr viel Sexualität zu leben. Rückblickend würde ich sagen, dass ich dabei zeitweise ungezügelt war. Das Gefühl der Freiheit mochte ich.
Doch nicht alles daran hat mir gut getan Denn Sexualität bedeutet nicht, dass es sich um eine nährende Beziehung handelte. Oft suchte ich über Sexualität nach Zuwendung, Bestätigung oder Zugehörigkeit. Manchmal war sie sogar eine Art Bezahlung für Freundlichkeit, die ich von Männern erhielt.
Ich liebe Sexualität und Sinnlichkeit noch immer. Aber ich benötige für diese Hingabe inzwischen eine echte und tiefe Beziehung.
Die Anpassung
Das Gegenteil von Wildheit ist aus meiner Sicht die maximale Anpassung. Auch die habe ich in meinem Leben immer mal wieder ausprobiert. Man kann sich wirklich an unterschiedlichste äußere Bedingungen anpassen, z.B. an berufliche Notwendigkeiten, Ideen anderer Menschen, gesellschaftliche Vorgaben oder auch an Regeln und Denkweisen bestimmter Menschengruppen, wie der spirituellen Szene (wovor mich meine Geister in Bezug auf die spirituelle Szene Gott sei Dank größtenteils bewahrt haben).
Auch die Anpassung habe ich ausprobiert.
Ich habe es beruflich versucht und eine Zeit lang mein Gefühl zu Hause gelassen, um meinen Kopf zur Verfügung zu stellen. Bei Nordex habe ich zum Beispiel gemeinsam mit der IT-Abteilung und einem Kollegen das Intranet für den Bereich Service mit SharePoint neu aufgebaut. Ich mochte diese Arbeit. Doch irgendwann merkte ich, dass etwas Grundlegendes fehlte: mein Gefühl. Bei dieser Arbeit war nur mein Kopf gefragt. Das kann ich vorübergehend aushalten, aber nicht dauerhaft.
Ich habe auch versucht, mich an Menschen anzupassen. Auch das ist mir nur solange geglückt, bis das Leben wieder an meine innere Tür geklopft und mich gerufen hat. Auf meine Lebensenergie ist Verlass 🙂
Es gibt noch eine Form von Anpassung, die ich tricky finde: Die Anpassung an eigene Ansprüche und Ideen, wie die Welt zu sein hat. Das kann dazu führen, dass wir uns selbst sehr einschränken. Ich halte Disziplin inzwischen für etwas, das zeitweise durchaus sinnvoll sein kann. Das war nicht immer so. Doch es braucht Disziplin, um zum Beispiel ein Buch zu schreiben. Doch es braucht genauso, mal alle viere gerade sein zu lassen, die Gedanken und Gefühle frei fließen zu lassen.
Oder auch der Anspruch, einen möglichst natürliche Nahrung zu mir zu nehmen und Kosmetik zu nutzen, hat mich dazu gebracht, möglichst viel selbst herstellen zu wollen. Doch auch mein Tag hat nur 24 Stunden. Das hat mich tatsächlich in die Nähe eines Burnouts gebracht. Und plötzlich war ich so damit beschäftigt, richtig zu leben, dass ich kaum noch lebte.
Wenn ich meine Lebensenergie manchmal zu lange wegsperre, fühlt sie sich an, wie ein Tiger in einem Käfig. Er wird unruhig und wenn ich nicht auf ihn Acht gebe, kann er auch aggressiv werden. Irgendwann wird er ausbrechen und vermutlich erst einmal wirklich wüten. Meine nächtlichen Träume geben mir entsprechende Hinweise.
Die Balance
Es hilft also enorm, den Tiger im Blick zu haben und der eigenen Wildheit und Lebendigkeit ihren angemessenen Raum zu geben und gleichzeitig zu schauen, wo Anpassung an die Bedingungen des irdischen Lebens das Leben und die Lebendigkeit unterstützen.
Zu viel Wildheit kann zerstören.
Zu viel Anpassung kann die Freude töten.Zu viel Wildheit trennt uns von der Welt.
Zu viel Anpassung trennt uns von uns selbst.
Ich glaube, wir kommen nicht umhin, uns auch ein wenig anzupassen. Als ich jugendlich war, war ich eine ganze Weile wütend über die Tatsache, dass ich hier auf der Erde atmen, schlafen und essen muss. Das Atmen konnte ich relativ schnell akzeptieren, weil es mich wenig gekostet hat. Aber das Essen und das Schlafen haben mich etwas länger wirklich empört.
Nun ja, ich kam nicht umhin, mich anzupassen und diese beiden Tatsachen mitsamt ihren Konsequenzen zu akzeptieren. (Und bevor ich mich mit dem Thema Lichtnahrung auseinandersetze, geht mein Fokus erst einmal zum Thema Frieden auf der Erde. Zumal ich mir nicht sicher bin, ob ich mich wirklich von Licht ernähren möchte, denn inzwischen genieße ich ein gutes Essen mit Freund*innen wirklich sehr.)
Es gibt also Umstände, bei denen ist es sinnvoll, sich anzupassen. Doch es braucht immer auch die Rückverbindung mit der eigenen Lebendigkeit, den eigenen tiefen Wünschen, dem eigenen Sein. Beides brauchen wir selbst und beides davon braucht die Welt.
Balance würde ich inzwischen als eine lebendige Beziehung zwischen uns, dem Leben und der Welt bezeichnen.
Zurück zur Natur
Wenn ich im Mai durch den Garten gehe, sehe ich die Kraft des Lebens überall. Die Brombeeren treiben aus, die Gräser schießen in die Höhe, Blätter entfalten sich, Blüten öffnen sich. Alles wächst.
Dabei fällt mir auf, dass die Lebenskraft nicht beliebig ist. Sie fließt immer in eine bestimmte Form. Aus einer Brombeere wird keine Rose. Aus einer Eiche kein Löwenzahn. Das Leben drückt sich in unzähligen individuellen Gestalten aus, doch jede hat ihre eigene Art, ihre eigene Ordnung.
Und doch wirkt die Gesamtheit manchmal chaotisch, weil so vieles gleichzeitig geschieht. Überall wachsen Pflanzen, konkurrieren um Licht und Raum, breiten sich aus, verbinden sich miteinander. Jede folgt ihrer eigenen Ordnung, und aus den vielen einzelnen Ordnungen entsteht ein Bild, das für uns oft ungeordnet erscheint. Und ehrlich … für mein Nervensystem ist das manchmal überfordernd. Verändert sich etwas, kann ich mich dem Chaos hingeben. Wächst etwas einfach ungebremst weiter, ist das etwas anderes.
Denn wenn ich unserem Garten vollständig die Entscheidung überlasse, wie er aussehen möchte, dann müssen wir uns seiner Ordnung anpassen. Die Brombeeren fragen nicht, ob ich dort entlanggehen möchte. Das Gras fragt nicht, ob wir auf der Wiese Boule spielen möchten.
Und hier kommt mir die Frage, wie viel Raum ich eigentlich einnehmen darf. Darf ich den Rasen mähen, weil ich dort gehen, sitzen oder spielen möchte? Darf ich einen Strauch zurückschneiden, damit Licht an einen anderen Ort gelangt? Darf ich gestalten? Ich finde, ja, das darf ich und zwar weil ich als Mensch auch Natur bin. Meine Bedürfnisse gehören ebenso zum Leben wie die der Brombeere.
Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, zwischen Ordnung und Wildheit zu wählen. Ein verzauberter Garten entsteht weder durch vollständige Kontrolle noch durch vollständige Verwilderung. Er entsteht dort, wo Lebendigkeit und Gestaltung miteinander tanzen dürfen.
Die Wildheit bringt die Kraft hervor. Die Ordnung schafft Räume, in denen diese Kraft sichtbar werden kann.
Leben ist nicht nur Wachstum.
Leben ist auch die Kunst, gemeinsam Raum zu schaffen.
Die Jahreskreisfeste als Entwicklungsweg eines Seelenwunsches
Ich begehe die Jahreskreisfeste, weil ich mir meiner Schöpferkraft bewusst bin und gerne die Kräfte nutze, die ohnehin um mich herum unterwegs sind.
Ein Seelenwunsch möchte in die Welt kommen. Wenn ich also auf meinen persönlichen Jahreskreis schaue, dann beginnt der Weg des Lebens mit dem Sterben. Zu Samhain habe ich loslassen dürfen, mich dem Chaos und der Dunkelheit hingegeben. Zu Yule habe ich meinen Seelenwunsch empfangen, noch zart und ohne Namen. Zu Imbolc habe ich ihn genährt und auch die Hindernisse gesehen, die sich ihm in den Weg stellten. Zu Ostara hat er Farbe und Form bekommen. Er wurde sichtbar, zumindest für mich, manchmal schon für andere.
Und jetzt, im Mai, stelle ich mir die Frage: Was geschieht als Nächstes?
Meine Version von Beltane
Dass ich mit Beltane bisher nicht sehr eng war, habe ich ja nun beschrieben. In diesem Jahr habe ich mich wirklich darauf eingelassen und meine eigene Beziehung zu Beltane verstanden.
Bisher habe ich meinen Wunsch zu Ostara mit Farbe versehen und vielleicht hat er auch schon eine Art Plan bekommen, ein wenig Struktur. Beltane ist nun also der Zeitpunkt, an dem meine Lebenskraft ihn aus der Welt des Potenzials in die Welt der Formen bringt.
Der große Geist ist nicht das Gegenteil von Struktur. Der große Geist ist die Quelle aller möglichen Strukturen. Aber solange keine davon gewählt wird, bleibt alles offen. Und dann kann auf der Erde auch nichts geschehen.
Schöpfung braucht irgendwann eine Entscheidung, eine echte Form, eine Grenze, ein „dies und nicht jenes“. Für mich ist Beltane also eine Feier des Mutes, einer Möglichkeit eine Gestalt zu geben. Denn in dem Moment sterben unendlich viele andere Möglichkeiten. Und genau dadurch wird etwas Wirklichkeit. Und das ist etwas, das die Natur im Mai überall vormacht.
Nicht jede mögliche Blüte entsteht. Nicht jede mögliche Frucht wächst. Aber einige tun es. Das ist der Grund, warum wir sie sehen, riechen, schmecken und lieben können.
Ich beginne also, etwas zu tun und mit ihm nach Außen zu gehen und …
… mache Fehler.
Verkörperung braucht immer auch Mut, den eigenen Weg zu gehen, nicht perfekt zu sein, mit der eigenen inneren Kritikerin ebenso klarzukommen wie mit der Bewertung von außen. Das kann unter Umständen etwas mehr Anschub brauchen. Genau das kann die Lebenskraft, die unbändige Kraft, wachsen zu wollen, leisten.
Perfektion & Wirklichkeit
Alles, was Gestalt annimmt, wird unperfekt. Das kann gar nicht anders sein.
Die perfekte Blüte existiert nur als Idee. Die echte Blüte hat vielleicht ein angefressenes Blatt, einen abgeknickten Stängel oder wird vom nächsten Sturm zerzaust. Aber sie blüht.
Die perfekte Beziehung existiert nur im Kopf. Die echte Beziehung besteht aus Missverständnissen, Reparaturen, Lachen, Streit und Wachstum. Aber sie lebt.
Wir könnten Perfektion als eine Versuchung des Potenzials bezeichnen. Perfektion sagt: „Warte noch. Plane noch ein bisschen.“ Und währenddessen bleibt alles nur eine Möglichkeit.
Beltane hingegen könnte sagen: „Komm. Geh los. Mach es einfach.“
Lieber mache ich gelebte Fehler, als gar nichts zu leben.
Meine Tiger und ich
Zu Beltane ehre ich die Wildheit und die Lebendigkeit in mir. Ich nehme sie wahr, freue mich an ihnen und spüre nach, wie ich sie mit meinen Wünschen und meinem Leben verbinden möchte.
Ich schaue nach meinen Tigern. Geht es ihnen gut oder brauchen sie vielleicht mehr Aufmerksamkeit, mehr Raum? Im Prinzip geht es auch hier, wie fast überall um eine gute Beziehung zu diesem Anteil in mir.
Und selbstverständlich feiere ich das Leben an sich mit all seinen Möglichkeiten und Wirklichkeiten am Feuer, mit Tanz, gutem Essen und am liebsten mit Menschen, Tieren und Geistern, die mir nahe sind.
FAQ
Was bedeutet Beltane für mich?
Für mich ist Beltane die Feier des Mutes, einer Möglichkeit Gestalt zu geben. Es ist der Moment, in dem ein Wunsch nicht länger nur Idee oder Potenzial bleibt, sondern erste konkrete Schritte in die Wirklichkeit macht.
Warum hatte ich lange Schwierigkeiten mit Beltane?
Weil ich Beltane oft als Feier ungezügelter Wildheit erlebt habe. Wachstum um des Wachstums willen fühlt sich für mich nicht lebendig, sondern überfordernd an. Erst als ich Beltane als Verbindung von Lebenskraft und bewusster Gestaltung verstanden habe, konnte ich eine eigene Beziehung dazu entwickeln.
Was hat Beltane mit meinen Wünschen zu tun?
Nach Samhain, Yule, Imbolc und Ostara kommt der Moment des Handelns. Ein Wunsch hat Farbe und Form bekommen und möchte nun in die Welt treten. Beltane lädt dazu ein, erste Schritte zu gehen und einer Möglichkeit eine konkrete Gestalt zu geben.
Warum gehören Fehler zu Beltane?
Weil alles, was Wirklichkeit wird, unperfekt wird. Solange etwas nur eine Idee bleibt, kann es perfekt erscheinen. Erst wenn wir handeln, lernen, scheitern, korrigieren und wachsen, beginnt echtes Leben.
Was bedeuten die Tiger im Beitrag?
Die Tiger stehen für meine Lebenskraft, Wildheit und innere Energie. Werden diese Anteile zu lange unterdrückt, werden sie unruhig. Werden sie bewusst wahrgenommen und eingebunden, können sie zu wertvollen Verbündeten auf dem eigenen Weg werden.
Geht es bei Beltane um Wildheit oder um Ordnung?
Aus meiner Sicht geht es weder um vollständige Wildheit noch um vollständige Kontrolle. Beltane erinnert daran, dass Lebendigkeit und Gestaltung zusammenwirken dürfen. Die Wildheit bringt die Kraft hervor, die Ordnung schafft Räume, in denen diese Kraft sichtbar werden kann.
Wie kann ich Beltane feiern?
Du kannst ein Feuer entzünden, tanzen, mit lieben Menschen zusammen sein oder einfach bewusst einen ersten Schritt für einen Herzenswunsch gehen. Vielleicht fragst du dich: Welcher Wunsch möchte jetzt nicht länger geplant, sondern gelebt werden?



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