Bewerten statt verurteilen – warum du dein Ego (und deine Bewertungen) brauchst

Ein kleiner Vogel sitzt auf einem hölzernen Geländer, das sich in die Tiefe des Bildes zieht – Symbol für Struktur, innere Klarheit und den freien Blick nach vorn.

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In der spirituellen Welt hören wir immer wieder Sätze wie:

  • „Du solltest nicht bewerten.“
  • „Bewertung ist vom Ego.“
  • „Ein erwachtes Bewusstsein verurteilt nicht.“

Und jedes Mal zieht innerlich etwas in mir die Augenbraue hoch, denn ich erlebe etwas anderes. Für mich sind Bewerten und Verurteilen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Das Bewerten brauche ich. Das Verurteilen verhärtet. Und ohne Bewertung können wir hier auf der Erde gar nicht wirklich gut leben.

In diesem Text möchte ich mit dir teilen, wie ich den Unterschied erlebe, warum ich Bewertung als wertvolles Werkzeug sehe und welche Rolle das Ego dabei spielt.

Unser Körper bewertet zuerst

Bevor wir überhaupt bewusst denken und formulieren, läuft im Hintergrund schon etwas anderes. Unser Nervensystem bewertet ständig:

  • sicher / unsicher
  • angenehm / unangenehm
  • vertraut / fremd

Das ist einfach ein physiologischer Vorgang. Ohne diese blitzschnellen Bewertungen hätten unsere Vorfahren schlicht nicht überlebt.

Ein paar Beispiele:

  • Wir gehen über die Straße, aus dem Augenwinkel nehmen wir eine Bewegung wahr und unser Körper zuckt zur Seite, bevor wir überhaupt denken: „Auto“.
  • Wir betreten einen Raum und spüren sofort: „Hier ist eine seltsame Spannung“, noch bevor wir genau sagen können, woran wir das festmachen.
  • Wir sitzen jemandem gegenüber und unser Körper wird ruhig. Etwas in uns bewertet: „Hier ist es sicher.“

Wir könnten sagen:

Erst bewertet der Körper, dann denkt der Kopf und dann formulieren wir unsere bewusste Bewertung in Worte.

Der Körper scannt die Lage, sortiert grob vor, damit wir uns orientieren können. Daran ist nichts Unspirituelles. Im Gegenteil: Es ist zutiefst weise, dass unser System so arbeitet.

Die eigentliche Frage ist für mich nicht: „Darf ich bewerten?“, sondern:

  • Werden wir uns unserer Bewertung bewusst?
  • Und machen wir daraus eine starre Verurteilung oder eine klare, lebendige Wahl?

Bewertung als Werkzeug: Entspricht das meinen Werten?

Wenn uns also etwas begegnet – ein Mensch, eine Situation, ein Satz, ein Angebot –, dann passiert das Bewerten in uns automatisch. Unser System entscheidet sofort und auch aufgrund früherer Erfahrungen. Manchmal sind diese früheren Erfahrungen geprägt von Ohnmacht oder Überforderung. Dann kann unser System Situationen vorsichtshalber eher als unsicher einstufen. Das ist ein Schutzprogramm, das wir nach und nach aktualisieren können.

  • Tut uns das gut oder nicht?
  • Fühlt sich das stimmig an oder nicht?
  • Möchten wir das in unserem Leben haben oder nicht?

Die bewusste Bewertung ist für mich ein Hilfsmittel zum inneren Sortieren, ein Werkzeug der Klarheit. Schon das Wort BeWERTung sagt es: Entspricht das, was wir wahrnehmen, unseren Werten oder nicht?

Ohne Bewertung könnten wir keine Grenzen setzen. Wir könnten nicht spüren, was uns guttut und was nicht. Wir könnten nicht wählen.

Gerade auf einem Weg von Selbstliebe und Bewusstheit finde ich Bewertung deshalb enorm wertvoll. Sie hilft uns, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen.

Verurteilen: Wenn etwas starr und festgeschrieben wird

Verurteilen ist für mich etwas anderes. Bei einem Urteil schreiben wir einem Wesen, einer Situation oder einem Verhalten etwas Festes zu – und das meist mit einem negativen Vorzeichen:

  • „Das ist falsch.“
  • „Der ist egoistisch.“
  • „Die ist schlecht.“
  • „So ist das und so bleibt das.“

Ein Urteil ist starr. Es lässt wenig Raum für Entwicklung, Veränderung, Wachstum, zumindest nicht im eigenen Bewusstsein. Wir packen etwas in eine Schublade und machen sie zu.

Der Unterschied könnte so klingen:

  • Bewertung:
    „Das Verhalten fühlt sich für mich nicht stimmig an. Ich möchte so nicht zusammenarbeiten.“
  • Verurteilung:
    „Du bist ein unmöglicher Mensch.“

Bewertung bezieht sich auf unser Erleben und unsere Werte. Verurteilen definiert das Wesen des anderen. Wenn Menschen sagen „Du darfst nicht bewerten“, meinen sie oft eigentlich: „Bitte verurteile nicht.“ Damit gehe ich mit. Aber bewerten? Doch, bitte unbedingt.

Wir kommen letztlich ohnehin nicht ums Bewerten herum, denn schon, wenn wir sagen: „Bewerte nicht“, implizieren wir, dass Bewerten irgendwie schlecht (im Sinne von Verurteilen) oder nicht hilfreich für uns (im Sinne von bewusster Bewertung) ist. Auch das ist bereits eine Bewertung.

Ego als Werkzeug der Schöpfung

In vielen spirituellen Richtungen wird das Ego als Problem gesehen, als etwas, das überwunden, aufgelöst oder zumindest möglichst klein gehalten werden soll. Ich erlebe das anders.

In seiner integrierten Form ist das Ego für mich ein Werkzeug der Schöpfung. Es hilft mir, aus dem unendlichen Feld der Möglichkeiten eine konkrete Form zu wählen, in der ich mich im Moment ausdrücken möchte.

Ich kenne – wie viele andere – diesen Zustand von:

„Alles ist eins. Ich bin alles.“

Das ist ein wunderschön freier Bewusstseinszustand. „Da oben“, im weiten Feld, fühlt sich vieles leicht an. Aber: Aus diesem Zustand heraus bringen wir selten etwas konkret auf die Erde.

  • Wir kommen nicht richtig im Körper an.
  • Wir kommen nicht wirklich bei den Menschen an.
  • Wir bleiben eher schwebend über allem, mit einem halben Schritt draußen.

Und nicht selten schleicht sich dabei ein subtiles Urteil ein:

„Da oben, im All-Eins, ist es besser. Hier auf der Erde ist es irgendwie weniger.“

Das ist im Grunde schon ein Urteil über das Menschsein. Ein Urteil über die Materie. Ein Urteil über das Konkrete. Das heißt aber auch, dass wir das Menschsein nicht als göttlich (an)erkennen.

Hilfreich empfinde ich etwas anderes: Wir haben immer Zugang zum All-Eins und sind auch hier auf der Erde. Wir können jederzeit zwischen beidem hin- und herschwingen.

Um ganz hier anzukommen, brauchen wir das Ego. Es bündelt unseren Fokus:

  • Wer möchte ich gerade sein?
  • Welche Rolle möchte ich leben?
  • Wie möchte ich mich heute zeigen?

Das fühlt sich manchmal an wie ein „kleineres Ich“, ist es aber nicht wirklich. Es ist nur die Form, die wir jetzt gerade wählen.

Die Gleichzeitigkeit von allem – und warum Begrenzen Selbstschutz ist

In meiner Erfahrung sind wir immer alles. Das ändert sich nicht. Wir sind sowohl das weite Bewusstsein, das alles umfasst, als auch die konkrete Person, die da gerade Kaffee trinkt, Mails beantwortet oder mit jemandem spricht.

Wenn wir aber versuchen würden, diese Gleichzeitigkeit in jedem Moment vollständig im Körper zu halten, würde uns das wahnsinnig machen. Unser Nervensystem wäre völlig überfordert.

Ganz ehrlich: Ich möchte aktuell gar nicht wissen, was das blaue Schwabbelwesen auf Planet XY mit seinen zwölf Armen gerade anstellt. Ich bin zwar auf irgendeine Weise auch das, aber ich muss das nicht dauernd präsent haben.

Begrenzung ist für mich deshalb auch ein Akt von Selbstschutz:

  • damit wir unseren Alltag leben können,
  • damit wir hier auf der Erde klar handeln können,
  • damit wir überhaupt in Ruhe atmen und fühlen können.

Die Gleichzeitigkeit von allem gibt uns Freiheit.
Wir können in jedem goldenen Moment entscheiden, in welchem Bewusstseinszustand wir uns aufhalten wollen.

Manchmal möchte ich weit, offen, verbunden mit allem sein. Manchmal möchte ich sehr konkret, klar, fokussiert im Ich sein. Beides ist okay. Beides bin ich. Ich bin sowohl das All-Eins-Bewusstsein als auch das Ego, das hier auf der Erde wählt.

Warum wir Bewertung dafür brauchen

Und an dieser Stelle kommt die Bewertung wieder ins Spiel. Wenn wir aus der Gleichzeitigkeit von allem eine Form wählen, dann fragen wir innerlich:

  • Was entspricht meinen jetzigen Werten?
  • Wie möchte ich heute leben, arbeiten, lieben, sprechen?
  • Was passt zu mir und was nicht (mehr)?

Ohne Bewertung könnten wir das gar nicht. Wir würden uns nicht entscheiden. Wir würden im „alles ist möglich“ hängen bleiben und nichts wirklich verkörpern.

Bewertung ist also kein spiritueller Fehler, sondern ein Werkzeug:

  • zur Selbstfürsorge,
  • zur Klarheit,
  • zur Verkörperung unseres Weges.

Verurteilen brauchen wir dafür nicht. Bewerten schon.

Eine kleine Übung: Vom Urteil zur klaren Bewertung (und raus aus dem Opfermodus)

Wenn du magst, probier in den nächsten Tagen einmal Folgendes aus:

  1. Beobachte deine Sprache.
    Achte auf Sätze wie:
    • „Der ist …“
    • „Die ist …“
    • „Ich bin halt so …“
    • „Das ist falsch oder schlecht oder unspirituell …“
  2. Frag dich dann:
    Ist das gerade eine Bewertung (aus meinen Werten heraus) oder ein Urteil (ich schreibe etwas fest)?
  3. Spür den Unterschied in deiner Handlungsfähigkeit. Ein Beispiel:
    • Urteil: „Der ist total egoistisch.“
      Damit bin ich schnell in einer inneren Sackgasse. Ich stehe daneben und denke: „Was macht der da für einen Mist? Warum macht er das mit mir?“ Ich bleibe im Opfermodus. (Mit Opfermodus meine ich nicht das reale Opfersein bei Angriff oder Gewalt. Ich nutze das Wort im Sinne von innerer Handlungsunfähigkeit. Ich erlebe mich als ausgeliefert und wenig handlungsfähig und in diesem Erleben fällt es mir schwer, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen.)
    • Bewertung: „Sein Verhalten fühlt sich für mich nicht stimmig an, weil mir gegenseitige Rücksicht wichtig ist.“
      Hier fange ich an zu reflektieren: „Aha, gegenseitige Rücksicht ist mir wichtig.“ Und aus genau diesem Satz kann ich weiter denken:
      • Will ich mit diesem Menschen so weiter in Kontakt sein?
      • Kann ich etwas ansprechen?
      • Oder ist es stimmiger, mir Menschen zu suchen, mit denen ich diese Rücksicht leben kann?
      Damit komme ich wieder in meine Macht. Ich werde zur Gestalterin meines Lebens, statt innerlich in der Zuschauerrolle zu bleiben.
  4. Formuliere deine Urteile in solche Bewertungen um, die deine Werte enthalten, z. B.:
    • Aus „Der ist total egoistisch!“ wird: „Sein Verhalten fühlt sich für mich nicht stimmig an, weil mir gegenseitige Rücksicht wichtig ist.“
    • Aus „Ich bin einfach zu sensibel.“ wird: „Meine Sensibilität nimmt sehr viel wahr, ich darf besser auf mich achten.“
  5. Und ganz wichtig:
    Wenn du merkst: „Oh, das war ein Urteil“, dann verurteile nicht dein Verurteilen. Nimm es einfach wahr: „Aha, da ist ein Teil von mir, der gerade sehr eng wird oder sich schützen will.“ Schon dadurch entsteht innerlich mehr Raum. Du gehst damit raus aus der Selbstverurteilung und beginnst dein Verhalten zu bewerten und kannst es nach und nach und in deinem Tempo an deine Werte anpassen.

So übst du, deine Wahrnehmung ernst zu nehmen, ohne dich oder andere festzunageln und ohne in der inneren Ohnmacht stecken zu bleiben.

FAQ

Ist Bewerten in der Spiritualität etwas „Schlechtes“?

Nein. Bewerten ist zunächst ein natürlicher innerer Vorgang: Wir prüfen, ob etwas zu uns, unseren Grenzen und Werten passt. Problematisch wird es erst, wenn aus der Bewertung ein starres Verurteilen wird, also eine feste Zuschreibung über das Wesen eines anderen Menschen oder von uns selbst.

Was ist der Unterschied zwischen Bewerten und Verurteilen?

Bewertung bezieht sich auf unser Erleben: „Dieses Verhalten fühlt sich für mich nicht stimmig an.“ Verurteilung macht daraus eine Identität: „Du bist ein unmöglicher Mensch.“ Bewertung lässt Entwicklung und neue Entscheidungen zu, Verurteilung macht innerlich und in der Beziehung etwas starr und eng.

Warum „bewertet“ mein Körper automatisch Situationen?

Unser Nervensystem scannt ständig, ob etwas sicher oder unsicher, angenehm oder unangenehm ist. Das ist ein physiologischer Schutzmechanismus, der aus früheren Erfahrungen gelernt hat. Diese automatische Einschätzung ist kein Zeichen von Unbewusstheit oder Versagen, sondern ein Schutzprogramm, das wir nach und nach bewusster kennenlernen und liebevoll aktualisieren können.

Muss ich mein Ego überwinden, um „spirituell“ zu sein?

Aus meiner Sicht nein. In seiner integrierten Form ist das Ego ein Werkzeug der Schöpfung: Es hilft uns, aus dem Feld aller Möglichkeiten eine konkrete Form zu wählen, in der wir uns ausdrücken. Statt das Ego zu bekämpfen, können wir lernen, mit ihm zu kooperieren und es im Dienst unserer Werte einzusetzen.

Was meine ich mit „Opfermodus“ in diesem Beitrag?

Mit Opfermodus meine ich nicht das reale Opfersein bei Gewalt, Übergriffen oder struktureller Benachteiligung, sondern einen inneren Zustand von Ohnmacht: Wenn wir innerlich denken „Ich kann nichts tun, die anderen sind schuld“ und uns selbst als ausgeliefert erleben. In diesem Zustand fällt es schwer, die eigenen Handlungsmöglichkeiten und Grenzen wahrzunehmen.

Wie kann ich üben, aus Verurteilung in eine klare Bewertung zu kommen?

Ein erster Schritt ist, Sätze wie „Der ist …“ oder „Ich bin halt so …“ zu bemerken. Dann können wir sie in Ich-Aussagen übersetzen, die unsere Werte enthalten, zum Beispiel: „Sein Verhalten fühlt sich für mich nicht stimmig an, weil mir gegenseitige Rücksicht wichtig ist.“ So bleiben wir bei uns, statt andere oder uns selbst festzuschreiben.

Ist es nicht egoistisch, wenn ich klar bewerte, was mir guttut?

Nein. Eigene Grenzen und Werte wahrzunehmen und danach zu handeln, ist ein Ausdruck von Selbstverantwortung, nicht von egoistischem Wegdrücken der anderen. Schwieriger wird es erst, wenn wir unsere Bewertung nutzen, um andere abzuwerten, zu beschämen oder zu verurteilen. Klarheit und Verbundenheit können gut zusammen existieren.

Was kann ich tun, wenn ich merke, dass ich andere oder mich selbst verurteile?

Der wichtigste Schritt ist, das Verurteilen nicht auch noch zu verurteilen. Wir können innerlich sagen: „Aha, da ist ein Teil von mir, der sich gerade schützen oder kontrollieren will.“ Allein diese freundliche Wahrnehmung schafft Raum. Von dort aus können wir fragen: „Was ist mir hier wirklich wichtig? Welche Bewertung passt zu meinen Werten und welche Handlung ist jetzt stimmig?“

Es grüßt dich herzlich

Tanja Richter


Tanja Richter - ein Portrait

Über die Autorin:

Tanja Richter begleitet Menschen dabei, in die Tiefe ihres Wesens einzutauchen, sich selbst liebevoll zu begegnen und in Verbindung mit der geistigen Welt zu wachsen. Ihre Arbeit ist geerdet, klar und schöpft aus jahrzehntelanger Erfahrung mit schamanischen Wegen, spiritueller Praxis und innerer Meisterschaft.

Erfahre mehr über Tanja Richter und ihre Arbeit …

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