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Hinweis: Dieser Beitrag wurde erstmals im Dezember 2022 veröffentlicht und im November 2025 grundlegend überarbeitet und erweitert.
Die folgenden Inhalte beschreiben schamanische Sichtweisen und Erfahrungen aus meiner Praxis. Sie ersetzen keine Diagnose oder Therapie und verstehen sich als Ergänzung zu medizinischer bzw. psychotherapeutischer Behandlung.
Schamanismus und Spiritualität auf der individuellen Ebene
Chancen
Spiritualität und speziell Schamanismus sind ein wunderbares Mittel, um auf seelisch-energetischer Ebene zu wirken. Die folgenden Beispiele beschreiben typische Arbeitsfelder einer Schamanin bzw. eines Schamanen:
- das Zurückholen verlorener oder abgegebener Seelenanteile,
- das Lösen und Reinigen alter, nicht mehr hilfreicher Energien, Muster oder Fremdeinflüsse,
- das Bearbeiten und Auflösen überholter Seelenverträge,
- Rituale für Lebensübergänge (Geburt, Partnerschaft, Abschied, Neubeginn),
- das Aufzeigen möglicher Lösungswege für aktuelle Herausforderungen,
- die Vermittlung schamanischer Methoden zur Alltagsgestaltung und Selbstfürsorge,
- die Klärung von Beziehungen
- entweder nur von Seiten des Klienten oder der Klientin,
- oder von allen Seiten, wenn alle Seiten in diesen Prozess einwilligen,
- die energetische Reinigung von Haus, Wohnung oder Grundstück,
- Kontaktarbeit mit Verstorbenen (im schamanischen Verständnis).
Menschen, die sich auf den schamanischen Weg einlassen, berichten oft von tiefgreifendem innerem Wandel. Wahrnehmung und Selbstverständnis weiten sich, das Leben bekommt eine neue Tiefe und Verbundenheit.
Mit dieser Bewusstwerdung wächst meist auch die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen: für Entscheidungen, Handeln und die eigene innere Haltung. Viele erkennen ihre schöpferische Kraft wieder und beginnen, ihr Leben bewusst zu gestalten.
Das geht häufig mit einem Wertewandel einher: Prioritäten verschieben sich, Mitgefühl und Selbstliebe werden spürbarer. Menschen auf dem schamanischen Weg spüren ihre tiefe Verbindung zur und mit der Natur und kommen um ökologisches Handeln quasi nicht mehr herum, da sie unmittelbar wahrnehmen, dass sie sich selbst schaden, wenn sie der Natur schaden.
In meiner Praxis zeigt sich, dass schamanische Arbeit Ängste lindern und Vertrauen stärken kann. Sie unterstützt Menschen darin, sich selbst besser kennenzulernen, ihre Intuition zu schulen und ein Leben zu gestalten, das über bloßes Funktionieren hinausgeht.
Grenzen
So wirksam schamanische Arbeit sein kann – sie hat, wie jede Methode, ihre Grenzen. Es gibt Themen, bei denen eine psychotherapeutische oder ärztliche Begleitung der passendere Weg ist.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine Klientin berichtete, sie werde jeden Morgen von einem „bösen Geist“ attackiert. Sie war verzweifelt und hatte bereits viele spirituelle Heilerinnen und Heiler aufgesucht. Nichts hatte eine nachhaltige Wirkung.
Als ich in die Verbindung ging, zeigte sich mir, dass es sich um einen Anteil von ihr selbst handelte, der verzweifelt auf sich aufmerksam machen wollte. Schamanisch war hier nichts zu tun. Sie brauchte Unterstützung im Umgang mit ihren Gefühlen. Dafür ist eine Psychotherapie bestens geeignet. Spiritualität ist nicht die Antwort auf alles.
Auch wenn ein Seelenanteil zurückkehrt, bringt er meist lang vergessene Gefühle und manchmal Erinnerungen an belastende Situationen mit. Diese brauchen Zeit, Raum und manchmal fachliche Begleitung, um integriert zu werden. Wenn mir bei einem Thema klar wird, dass eine Klientin oder ein Klient besser nicht allein damit arbeitet, stimme ich einer Reise nur zu, wenn eine therapeutische Begleitung vorhanden ist.
Manchmal erlauben die Geister selbst keine Arbeit. Wenn jemand zwar neugierig ist, aber nicht wirklich in seine eigenen Tiefen schauen möchte, bleibt der Zugang auf der seelischen Ebene verschlossen. Ich erinnere mich an eine Reise, bei der ich bis zu einem Höhleneingang gelangte, der jedoch versperrt blieb. Das war ein starkes Symbol dafür, dass dieser Mensch nicht bereit war für diese Arbeit.
Es gibt auch Themen, die besser unberührt bleiben. Manche Erlebnisse sind zu intensiv, um in der aktuellen Lebensphase oder Inkarnation angeschaut zu werden. Oder der Abstand zur Erfahrung ist noch zu gering, um sie in der Tiefe zu verarbeiten. Zeit allein heilt zwar nicht alle Wunden, aber sie schenkt neue Erfahrungen, die uns befähigen, anders mit Schmerz umzugehen.
Manchmal geht es daher zunächst um Linderung und Stabilisierung, um Atem holen, bevor Wandlung geschehen kann. Und manchmal braucht eine Seele mehrere Inkarnationen, bis sie bereit ist, ein altes Trauma wirklich zu berühren.
Und damit bin ich bei den Gefahren angekommen.
Wann schamanische Arbeit nicht angezeigt ist
So wie es für jede Therapie oder Methode Grenzen gibt, gilt das auch für schamanische Arbeit. Manche Themen gehören in andere Hände oder erfordern zunächst Stabilisierung, bevor auf seelisch-energetischer Ebene gearbeitet werden kann.
Schamanische Arbeit ist nicht angezeigt, wenn:
- sich jemand in einer akuten psychischen Krise befindet (z. B. Psychose, akute Suizidalität oder schwerer Trauma-Flashback),
- eine Suchterkrankung in einer instabilen Phase ist oder ein Entzug läuft,
- der Mensch nicht aus freiem Willen, sondern auf Druck anderer kommt,
- die Person keine therapeutische Begleitung hat, obwohl starke Traumata bekannt sind,
- die Arbeit medizinische Behandlung ersetzen würde oder eine klare körperliche Ursache unbeachtet bliebe.
In all diesen Fällen kann schamanische Arbeit begleitend und stabilisierend wirken, aber niemals anstelle einer medizinischen, psychologischen oder psychiatrischen Behandlung.
Schamanismus ist kein Ersatz für Therapie, sondern kann – mit Achtsamkeit, Klarheit und Bewusstheit – eine ergänzende Ebene der Erkenntnis und Wandlung sein.
Mögliche Gefahren
Wie jede Form von Begleitung birgt auch schamanische Arbeit mögliche Gefahren, vor allem dann, wenn sie ohne Achtsamkeit, Reife oder klare Selbstkenntnis ausgeübt wird.
Es gibt heute unzählige schamanische Ausbildungen. Doch es existieren weder allgemein anerkannte Qualitätsstandards noch eine einheitliche Möglichkeit zur Überprüfung der Kompetenzen. Eine Ausbildung allein macht noch keine Schamanin und keinen Schamanen. Nur weil jemand Techniken beherrscht, bedeutet das nicht automatisch, dass die eigene Innenwelt geklärt ist.
Ein Schamane oder eine Schamanin muss sich selbst sehr gut kennen, um unterscheiden zu können, was zum Klienten gehört und was zu einem selbst. Das gilt ebenso für Psychotherapeut*innen und andere helfende Berufe.
Eine der größten Gefahren liegt aus meiner Sicht darin, dass eine Klientin oder ein Klient abhängig gemacht wird. So wie ein*e gut*e Fahrlehrer*in das Ziel hat, sich selbst überflüssig zu machen, sollte auch das Ziel schamanischer oder therapeutischer Arbeit immer darin bestehen, Menschen zu befähigen, eigenständig zu leben und zu handeln.
Wenn eine Schamanin helfen muss, um sich selbst zu bestätigen, oder ein Schamane die Rolle des Retters braucht, weil eigene Themen unerlöst sind, entsteht unbewusst ein Machtgefälle. Der Klient bzw. die Klientin bleibt dann abhängig und wird nicht wirklich frei.
Eine weitere Gefahr sehe ich in einer Symptombehandlung ohne Ursachenarbeit. Wenn jemand etwa sagt, er habe eine Besetzung und wolle, dass diese entfernt wird, kann es passieren, dass ein* Schaman*in genau das tut, ohne die zugrunde liegende Ursache zu betrachten.
Doch jedes Symptom, ob energetisch oder körperlich, hat einen Ursprung. Vielleicht fehlt ein Seelenanteil. Vielleicht zieht die Person immer wieder ähnliche Energien an, weil sie sich in einer alten Opferrolle befindet oder weil unbewusste Schuldgefühle wirken. In solchen Fällen wäre es nicht hilfreich, nur die Oberfläche zu bearbeiten.
Ich erinnere mich an eine Anfrage, ob ich einen Bauernhof von Ratten und Mäusen befreien könne. Schamanisch war das nicht möglich, denn die Tiere waren lediglich Ausdruck einer tieferen Dynamik. Es gab ein Familienmitglied, das nach meiner Wahrnehmung unbewusst Drama liebte und erzeugte und so auf allen Ebenen Unruhe schuf. Solange die menschliche Ursache unberührt blieb, hätte sich das Symptom einfach verlagert.
Schamanische Arbeit sollte also nie nur Symptome beseitigen, sondern die dahinterliegende Bewegung erkennen, damit echte Lösung entstehen kann.
Qualitätsmerkmale
Wie lässt sich erkennen, ob jemand seriös und verantwortungsvoll schamanisch arbeitet? Ein paar Hinweise aus meiner Erfahrung können dabei helfen, Unterschiede in der Qualität einzuschätzen.
- Je mehr Zertifikate jemand offen vorzeigt und betont, desto vorsichtiger wäre ich.
Zertifikate zeigen meist an, dass sich ein Mensch fremde Strukturen angeeignet hat, was anfangs hilfreich sein kann. Doch wer diese Strukturen wirklich verdaut und integriert hat, braucht in der Regel keine langen Listen an Nachweisen. Schamanische Reife zeigt sich weniger auf Papier als in innerer Klarheit, Demut und gelebter Ethik. - Da es bei schamanischer Arbeit um die eigene Seele geht, sollte ein Kennenlerngespräch selbstverständlich möglich sein, ob persönlich oder telefonisch. Es geht darum, ein Gefühl füreinander zu bekommen, damit Vertrauen entstehen kann.
- Ein weiterer wichtiger Punkt: Angst darf kein Werkzeug sein. Wenn jemand sofort mit Fremdenergien, Flüchen oder Bedrohungen arbeitet, ist das meist ein Hinweis auf eigene, noch ungelöste Themen. Wandlung geschieht durch Bewusstsein und Liebe, nicht durch Angsterzeugung.
- Eine seriöse Schamanin oder ein seriöser Schamane wird ehrlich über die eigenen Grenzen sprechen. Niemand kann alles.
- Ebenfalls ein Zeichen von Qualität ist die Fähigkeit, Dinge auszusprechen, die vielleicht unbequem sind. Wer ehrlich ist, riskiert manchmal, dass eine Klientin oder ein Klient sich abwendet und gerade das ist oft ein gutes Zeichen: Es zeigt, dass nicht das Bedürfnis nach Zustimmung, sondern Wahrhaftigkeit im Vordergrund steht.
- Echte Wahrhaftigkeit unterscheidet sich deutlich von persönlicher Projektion. Manche spirituell Arbeitende verwechseln ihre eigene Meinung oder ihren unverarbeiteten Schmerz mit „Eingebung“ oder „Wahrheit“. Wenn Aussagen verletzend, pauschal oder wertend sind, statt klärend und liebevoll, dann wird eine Grenze überschritten. Ein seriös arbeitender Mensch erkennt, dass auch er selbst im Prozess steht. Er spürt, wann etwas wirklich aus dem Feld des Klienten kommt und wann eine eigene Emotion in Resonanz geht. Echte Klarheit fühlt sich für beide Seiten ruhiger an, selbst wenn sie weh tut. Projektion dagegen hinterlässt ein ungutes Gefühl, Schuld, Druck oder Verwirrung.
- Auch die Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen ist ein Qualitätsmerkmal. Eine verantwortungsvolle Schamanin wird dir nie von einem Arzt- oder Psychotherapiebesuch abraten. Im Gegenteil: Sie wird bereit sein, sich – mit deinem Einverständnis – abzustimmen und ergänzend zu arbeiten, wenn das hilfreich erscheint.
- Und schließlich: Niemand sollte ohne Einverständnis einer anderen Person energetisch arbeiten. Wenn die betreffende Person nicht zustimmt, ist eine Arbeit – außer in besonderen Ausnahmefällen, etwa bei Bewusstlosigkeit oder Koma – nicht zulässig. In solchen speziellen Fällen braucht es mindestens das Einverständnis der geistigen Helfer und klare innere Führung.
Zusammengefasst: Qualität zeigt sich nicht an Worten, Zertifikaten oder Versprechen, sondern an der Haltung eines Menschen. An der Demut, nicht alles zu wissen. An der Bereitschaft, Grenzen zu respektieren. Und an dem tiefen Wunsch, dass der andere frei wird und nicht abhängig.
Schamanismus und Spiritualität auf der gesellschaftlichen Ebene
Wissenschaft versus Spiritualität
Bevor ich auf die Chancen von Schamanismus und Spiritualität auf gesellschaftlicher Ebene eingehe, möchte ich kurz auf das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Spiritualität eingehen.
Ich gehöre zu jenen Menschen, die keinen Widerspruch zwischen Spiritualität und Evolution sehen. Im Gegenteil: In meinem Weltbild folgen Schöpfung und Evolution einander in einem fortlaufenden Tanz. Wir entwickeln uns – individuell und kollektiv – immer weiter.
Zu einem dieser Entwicklungsstadien gehörte, dass viele Menschen ihre eigene Verbindung zum Göttlichen aufgaben und ihre spirituelle Verantwortung in die Hände der Kirche legten. Die Kirche gewann dadurch Macht und beanspruchte die Deutungshoheit über das, was als Wahrheit gelten sollte.

Mit der Erfindung des Buchdrucks und dem Aufkommen der Naturwissenschaften veränderte sich das Denken. Die Kirche verlor an Macht, und das rationale, überprüfbare Denken gewann an Einfluss. Das war eine große Errungenschaft. Ich sehe die Geschenke dieser Entwicklung überall um mich: in Meinungsfreiheit, technologischer Entwicklung und in der Möglichkeit, Wissen zu teilen, ohne um das eigene Leben fürchten zu müssen. Ich freue mich täglich über Dinge wie Kühlschränke, Waschmaschinen und Computer. Sie sind Ausdruck menschlicher Schöpfungskraft.
Das Pendel, das einst in Richtung religiöser Abhängigkeit ausschlug, bewegte sich über Jahrhunderte stark in die andere Richtung: hin zu Rationalität und Beweisbarkeit. Heute haben wir die Chance, eine Balance zwischen beiden Polen zu finden, zwischen Wissenschaft und Spiritualität.
Nur Spiritualität zu leben, ohne den Verstand einzubeziehen, kann zu Irrtümern, Wunschdenken oder sogar Machtmissbrauch führen. Nur Wissenschaft zu leben, ohne die seelische und emotionale Ebene zu achten, kann zu Kälte, Entfremdung und einem Wirtschaftssystem führen, das den Menschen und die Natur vernachlässigt.
Ich sehe Wissenschaft und Spiritualität nicht als Gegensätze, sondern als zwei unterschiedliche und sich ergänzende Wege, die Welt zu erkennen und zu gestalten.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Art der Erkenntnisgewinnung.
Die Wissenschaft sucht Erkenntnis über den Verstand, mit überprüfbaren Methoden und dem Ziel von Objektivität. Das hat große Vorteile, besonders durch ihre Qualitätskriterien und ihre überprüfbare Struktur.
Die Spiritualität hingegen schöpft Erkenntnis über Gefühl, Intuition und unmittelbare Erfahrung. Das Gefühl ist – aus spiritueller Sicht – die Sprache der Seele.
Der wissenschaftliche Weg führt idealerweise dazu, dass viele Menschen unter denselben Bedingungen zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Das schafft ein Maß an Objektivität, das besonders in den Naturwissenschaften funktioniert. In den Geisteswissenschaften ist Objektivität dagegen schon schwieriger zu erreichen, weil Wahrnehmung und Deutung hier stärker vom Beobachter abhängen.
Ein Nachteil der Wissenschaft ist ihre Langsamkeit. Forschung braucht Zeit, Ressourcen und oft auch Mut, um die richtige – das heißt: passende und lebendige – Frage zu stellen.
Spiritualität dagegen ist ganz klar subjektiv. Sie erhebt nicht den Anspruch auf Objektivität, sondern erkennt an, dass jede Wahrnehmung von einem bestimmten Standpunkt aus geschieht. Wichtig ist, dass diese Subjektivität bewusst bleibt: Wer spirituell arbeitet, sollte immer klar benennen, aus welcher Perspektive und in welchem Bewusstseinsraum er spricht.
Ein großer Vorteil der spirituellen Erkenntnisgewinnung ist nach meiner Erfahrung die Geschwindigkeit. Diese Erkenntnis ist nicht direkt naturwissenschaftlich prüfbar, lässt sich aber durch wiederkehrende, inter-subjektiv ähnliche Erfahrungen spiegeln.
Wenn mehrere spirituell Arbeitende unabhängig voneinander ähnliche oder sich ergänzende Wahrnehmungen erhalten, kann auch das eine Form von Bestätigung sein, nicht im naturwissenschaftlichen, aber im erfahrungsbasierten Sinn.
Die eigentliche Frage lautet: Wofür sollen beide dienen? Geht es nicht bei beidem um das Wohl des Menschen und damit auch um das Wohl der Erde?
Wenn wir als Menschheit wirklich Verantwortung übernehmen wollen, sollten wir nach meiner Meinung beide Zugänge nutzen: den wissenschaftlichen Verstand und die spirituelle Intuition.
Vielleicht könnte die Wissenschaft sich der Spiritualität öffnen, um intuitiv neue Forschungsrichtungen zu entdecken. Eine meiner Lieblingsvorstellungen: Wie wäre es denn, wenn z.B. Ingenieure mit den Naturgeistern kommunizieren könnten, um gemeinsam umweltverträgliche Technologien zu entwickeln?
Und vielleicht könnte die Spiritualität von der Wissenschaft lernen, ihre Erkenntnisse nicht als die Wahrheit zu sehen und sich einen deutlich differenzierteren Blick auf sich selbst anzueignen.
Ein wunderbares Beispiel für das Zusammenwirken von Spiritualität und Wissenschaft findet sich in der Arbeit von Dr. Monica Gagliano, Meeresbiologin und interdisziplinäre Pflanzenforscherin. Sie erforschte die Lernfähigkeit von Pflanzen am Beispiel von Mimosen und Erbsen und veröffentlichte ihre Forschungsergebnisse in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften und in ihren Büchern.
Das Magazin GEO interviewte Fr. Dr. Gagliano 2019 und befragte sie auch zu ihren Verbindungen zu Schamanen.
GEO: In Ihrem Buch beschreiben Sie dieses Miteinander. Aber auch Begegnungen mit Schamanen, Ihre spirituelle Verbundenheit mit Bäumen. Das ist für eine Naturwissenschaftlerin ungewöhnlich.
GAGLIANO: Sie wollen andeuten, ich könnte damit meinen Ruf als Forscherin aufs Spiel setzen?
GEO: Sie könnten als Fantastin und Naturschwärmerin angesehen werden.
GAGLIANO: Ich habe lange überlegt, wie ich dieses Buch schreiben soll. Am Ende habe ich mich entschieden, es genau so zu verfassen. Viele der darin festgehaltenen Erlebnisse haben in mir die Intuition befeuert. Und die ist für meine Forschung wichtig. Ohne sie käme ich nicht auf neue Ideen und abgefahrene Perspektiven. Intuition war auch für Charles Darwin eine Voraussetzung wissenschaftlichen Denkens. Er war überzeugt davon, dass Pflanzen eine gewisse Form von Intelligenz aufweisen, die vor allem in ihren Wurzeln steckt – Darwin zufolge eine Art Gehirn. Niemand nahm ihm das übel. Und auch nicht, dass er in Gewächshäusern seinen stummen Zuhörern Musik vorspielte.
GEO: Interview Kluge Pflanzen (LINK GEFUNDEN AM 18.12.2022)
Solche Brücken zeigen, dass sich Wissenschaft und Spiritualität nicht ausschließen, sondern einander befruchten können. Wenn wir bereit sind, alte Überzeugungen loszulassen und unsere Lebensweise neu zu gestalten, kann daraus etwas wirklich Heilsames entstehen: für uns, unsere Mitwelt und die Erde.
Entwicklungsschritte
Damit Wissenschaft und Spiritualität einander wirklich ergänzen können, braucht es auf beiden Seiten Entwicklung – Bewusstsein, Demut und die Bereitschaft, voneinander zu lernen.
Auf Seiten der Spiritualität sehe ich zwei wesentliche Schritte:
- Ehrliche Selbsterkenntnis statt Überhöhung.
Kein esoterisches Geschwurbel, das dazu dient, sich als „höher entwickelt“ oder moralisch besser zu fühlen. Solche Sichtweisen schaffen Trennung und nähren subtilen Machtmissbrauch. Wahre Spiritualität verbindet, sie erhebt nicht. Sie erkennt, dass jedes Wesen ein Teil des Ganzen ist, und dass „oben“ und „unten“, „hell“ und „dunkel“ untrennbar zusammengehören. - Gemeinsame Qualitätsmerkmale entwickeln.
Spirituelle Erkenntniswege brauchen, wie die Wissenschaft, eine Form von Transparenz und Selbstprüfung. Nicht im Sinne von Beweisbarkeit, sondern im Sinne von Bewusstheit: Woher kommt eine Wahrnehmung? Welche Absicht liegt darunter? Wird sie überprüft, gespiegelt, in Liebe angewandt? Wenn spirituell arbeitende Menschen lernen, ihre Erfahrungen klarer einzuordnen und zu kommunizieren, entsteht Vertrauen auch über das eigene Feld hinaus.
Und auch auf Seiten der Wissenschaft braucht es Entwicklung:
- Demut vor der Vielschichtigkeit der Wirklichkeit.
Wirklichkeit lässt sich nicht vollständig messen. Sie ist ein lebendiger Prozess. Wissenschaft kann viel erkennen, aber nicht alles. Offenheit für andere Erkenntniswege ist keine Schwäche, sondern Ausdruck von Reife. - Echte Unabhängigkeit in Forschung und Denken.
Forschung, die sich von wirtschaftlichen Interessen und festen Weltbildern löst, kann wieder kreativer und menschlicher werden. Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich erlauben, Fragen zu stellen, die nicht sofort in Zahlen passen, sondern dem Leben selbst dienen, entsteht neue Tiefe.
Beide Seiten – Wissenschaft und Spiritualität – sind Teil derselben Bewegung: dem menschlichen Wunsch, zu verstehen, zu heilen und in Verbindung zu leben. Wenn beide lernen, sich gegenseitig zu respektieren, können sie gemeinsam etwas Neues erschaffen: eine Kultur, die Herz und Verstand, Geist und Materie, Wissen und Weisheit miteinander vereint.
Chancen
Wenn Spiritualität und Schamanismus auf individueller Ebene bewusstseinsfördernd wirken können, dann gilt das in gewisser Weise auch für die Gesellschaft. Denn was sich im Inneren eines Menschen wandelt, wirkt immer auch nach außen: in Beziehungen, Organisationen und Gemeinschaften.
Schamanische und spirituelle Perspektiven können Impulse geben, wie gesellschaftliche Veränderungen friedlicher, bewusster und nachhaltiger verlaufen. Sie öffnen neue Blickwinkel auf Verantwortung, Verbundenheit und Sinn.
Ich sehe in der schamanischen Arbeit auf gesellschaftlicher Ebene vor allem folgende Chancen:
- Sie kann den Wertewandel unterstützen hin zu einem Bewusstsein, das nicht auf Konkurrenz, sondern auf Kooperation beruht.
- Sie kann Wege aufzeigen, wie notwendige Entwicklungsschritte gegangen werden können, ohne dass es zu zerstörerischen Brüchen kommt.
- Sie kann Unternehmen und Organisationen darin bestärken, wirklich nachhaltig und im Einklang mit natürlichen Rhythmen zu wirken und dabei Erfolg neu zu definieren: nicht nur als finanziellen Gewinn, sondern als gelebtes Gleichgewicht zwischen Mensch, Erde und Sinn.
- Sie kann helfen, Vertrauen im Miteinander zu stärken. Wenn Vertrauen wächst, werden viele übermäßige Kontrollen und Regularien überflüssig.
- Sie kann dazu beitragen, dass unser Gesundheitswesen seinem Namen wieder gerecht wird als ein System, das Gesundheit auf allen Ebenen fördert, nicht nur die Abwesenheit von Krankheit.
- Sie kann helfen, alte Kriegstraumata oder kollektive Wunden auf energetischer Ebene zu beruhigen – etwa an Orten, die durch Leid, Unrecht oder Gewalt geprägt wurden.
- Und sie kann das Bildungssystem inspirieren, Kinder und Jugendliche wieder als ganze Wesen zu sehen: verbunden, kreativ, lernfreudig und einzigartig.
Solche Veränderungen entstehen nicht durch äußere Reformen allein. Sie beginnen in der inneren Haltung, im Bewusstsein, dass alles miteinander verbunden ist. Wenn wir dieses Bewusstsein pflegen, kann sich Spiritualität zu einer gesellschaftlichen Kraft entwickeln, die nicht trennt, sondern verbindet: zwischen Herz und Verstand, Mensch und Erde, Vergangenheit und Zukunft.
Grenzen & Gefahren
Auf gesellschaftlicher Ebene sehe ich für die Anwendung schamanischer Arbeit keine festen Grenzen, solange bestimmte Grundprinzipien geachtet werden. Schamanisches Wirken geschieht immer in Beziehung. Und Beziehung bedeutet Verantwortung.
So darf zum Beispiel nicht einfach für ein Kollektiv gearbeitet werden, ohne dass alle betroffenen Wesen um ihre Zustimmung gebeten wurden. Eingriffe in energetische Felder wirken auf alles und jeden, der Teil dieses Feldes ist: Menschen, Tiere, Pflanzen und die Erde selbst. Deshalb braucht es Achtsamkeit und Zustimmung.
Bei Menschen könnte das in demokratische Entscheidungsprozesse integriert werden, bei nichtmenschlichen Wesen über bewusst geschulte, schamanisch ausgebildete Menschen, die um ihr Einverständnis bitten und wahrnehmen, ob es gegeben ist.
Auf diese Weise bleibt jede Form von energetischer Arbeit eingebettet in ein größeres Bewusstsein von Freiwilligkeit, Verbundenheit und Respekt.
Gefahren entstehen vor allem dort, wo Verantwortung und Demut fehlen. Wenn Einzelne meinen, sie wüssten „besser“, was für andere oder für die Erde richtig ist, entsteht schnell Übergriff, auch im Namen des Guten. Im Namen des Guten wurde in der Geschichte sehr viel Unrecht getan.
Ebenso riskant ist es, wenn spirituelle Arbeit als Ersatz für politische, soziale oder wissenschaftliche Prozesse verstanden wird. Schamanische Arbeit kann Impulse geben, Felder klären oder Inspiration schenken, aber sie ersetzt keine gemeinsame Entscheidungsfindung.
Um Scharlatanerie oder Machtmissbrauch zu vermeiden, braucht es Qualitätsstandards und transparente Zusammenarbeit. Wenn mehrere schamanisch arbeitende Menschen unabhängig voneinander zu ähnlichen oder sich ergänzenden Wahrnehmungen kommen, entsteht Resonanz, die Vertrauen schafft. Regelmäßige Reflexion, Supervision und Austausch sind dabei ebenso wichtig wie Demut vor dem eigenen Irrtum.
Im Kern geht es nicht darum, überall schamanisch zu handeln, sondern darum, dass das Bewusstsein, das hinter dieser Arbeit steht, das Bewusstsein von Beziehung, Respekt und Verbundenheit, in immer mehr Lebensbereiche einfließt.
Dann wird Schamanismus auf gesellschaftlicher Ebene nicht zur Gefahr, sondern zu einer Einladung zu Mitverantwortung, Bewusstheit und Miteinander.
FAQ
Ersetzt schamanische Arbeit eine Therapie oder medizinische Behandlung?
Nein. Schamanische Arbeit versteht sich als Ergänzung zu medizinischer oder psychotherapeutischer Behandlung. Bei akuten Krisen, körperlichen Ursachen oder schweren Traumata gehört die Begleitung in ärztliche bzw. therapeutische Hände; schamanisch kann allenfalls stabilisierend begleitet werden.
Woran erkenne ich seriös arbeitende Schamaninnen und Schamanen?
An Haltung und Ethik: Es gibt ein Kennenlerngespräch, klare Grenzen, kein Arbeiten mit Angst, Bereitschaft zur Kooperation mit Ärzt*innen und Therapeut*innen, Einholung von Einverständnissen und die Fähigkeit, auch Unbequemes respektvoll zu sagen ohne Projektion oder Abwertung.
Darf ohne Einverständnis für andere Menschen energetisch gearbeitet werden?
Nein. Ohne ausdrückliche Zustimmung der betroffenen Person wird nicht gearbeitet außer in seltenen Ausnahmen (z.B. Koma) und dann nur mit sehr klarer innerer Führung. Einverständnis ist Kern von Respekt und Verantwortung.
Wann ist schamanische Arbeit nicht angezeigt?
Bei akuten psychischen Krisen (z.B. Psychose, Suizidalität), instabilen Suchterkrankungen, wenn jemand unter Druck kommt, oder wenn starke Traumata ohne therapeutische Begleitung vorliegen. Hier hat Stabilisierung Priorität.
Wie passen Wissenschaft und Spiritualität zusammen?
Als ergänzende Wege der Erkenntnis: Wissenschaft arbeitet mit überprüfbaren Methoden und Objektivitätsanspruch, Spiritualität mit Erfahrung, Gefühl und Intuition. Beide können sich bereichern, etwa indem Intuition Forschungsfragen inspiriert und Spiritualität Transparenz und Qualitätsmerkmale pflegt.
Ist schamanische Arbeit gesellschaftlich nicht gefährlich oder manipulativ?
Gefahr entsteht ohne Demut und Verantwortung. Schutz bieten klare Standards (Einverständnis, Transparenz, Supervision, Zusammenarbeit mehrerer Praktizierender). „Im Namen des Guten“ wurde historisch viel Unrecht getan, deshalb sind Ethik, Freiwilligkeit und Konsens unverzichtbar.
Darf man für „kollektive Felder“ arbeiten?
Nur achtsam und mit Zustimmung: Bei Menschen über demokratische/prozessuale Entscheidungen; bei nichtmenschlichen Wesen durch entsprechend geschulte Begleiter:innen, die um Einverständnis bitten. Eingriffe betreffen immer alle im Feld, deshalb gilt: so viel wie nötig, so wenig wie möglich.
Was kann ich selbst konkret tun?
Eigene Praxis pflegen (Atem, Erdung, Selbstliebe), bewusst Grenzen & Zustimmung achten, zuhören bevor du bewertest, professionelle Hilfe einbeziehen, und im Alltag Kooperation statt Konkurrenz üben. Wandel beginnt innen und wird außen wirksam.
Weiterführende Links
- Qualitätskriterien wissenschaftliches Arbeiten – ein PDF von der TU Berlin (gefunden am 03.10.2023)
- Website von Dr.in Monica Gagliano (gefunden am 18.12.2022)
Bildnachweis Beitragsbild: Jozef Klopacka/ Shutterstock



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