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Inhaltsverzeichnis ein-/ausklappen
- Was ist „Nebel“ und was nicht
- Nebel ist sehr beliebt
- Dialekt 1: Nebel in der spirituellen Szene
- Dialekt 2: Nebel im Business
- Dialekt 3: Nebel in Politik und Institutionen
- Das ist nicht „Gefühl gegen Verstand“
- Drei Fragen, die Nebel entlarven – überall
- Was ist die echte Barriere?
- Wer trägt wofür Verantwortung?
- Was ist der nächste kleine echte Schritt?
- Ein kleines Übersetzungslexikon: Nebel in Klartext
- Klarheit dient
- FAQ
Dasselbe Muster in Spiritualität, Business und Politik nur in unterschiedlicher Sprache.
Es gibt Sätze, die hören sich schlau an und fühlen sich trotzdem irgendwie … leer an. Sie sind nicht falsch. Nur fühlen sie sich an wie ein Ausweichen mit gutem Styling.
- In der spirituellen Welt heißt es dann: „Es sollte nicht sein.“
- Im Business: „Dafür haben wir gerade keine Ressourcen.“
- In der Politik: „Das ist komplex.“
Und es stimmt manchmal ja auch. Manchmal ist es wirklich nicht dran, wirklich nicht möglich, wirklich kompliziert. Doch oft ist es simpler Nebel. Dieser Nebel hat viele Dialekte.
Dieser Beitrag ist eine Taschenlampe. Für alle, die lieber klar leben als gut klingen.
Was ist „Nebel“ und was nicht
Mit Nebel meine ich nicht „Lügen“ oder „Bösartigkeit“. Nebel ist oft ein Schutz, ein Trick unseres Nervensystems. Es ist der unbewusste Versuch, weiter zu einer Gruppe zu gehören und diese Zugehörigkeit nicht zu gefährden. Nebel ist ein Versuch, sich nicht zu blamieren, nicht anzuecken, nicht verantwortlich zu werden, nicht zu fühlen, nicht zu scheitern.
Nebel ist eine Sprache, die oft etwas verdeckt, zum Beispiel Angst, Scham oder Überforderung. Meist nicht bewusst, eher wie ein automatischer Schutz. Oft soll Nebel auch Konflikte vermeiden.
Ich meine hier nicht echte Grenzen, die es selbstverständlich gibt. Wenn etwas objektiv nicht geht, dann geht es nicht. Ich rede über die Momente, in denen wir so tun, als wäre etwas ein Naturgesetz, obwohl es in Wahrheit ein innerer Knoten ist, ein ungeklärtes Risiko oder eine ungeliebte Wahrheit. Und ich behaupte: Im Alltag haben wir es weit häufiger mit Nebel zu tun als wir uns eingestehen.
Nebel ist sehr beliebt
Weil er elegant ist. Wer Nebel benutzt, muss nicht sagen:
- „Ich habe Angst.“
- „Ich will das nicht wirklich.“
- „Ich will es, aber ich traue mich nicht.“
- „Ich will es nicht entscheiden, weil ich dann der Buhmann bin.“
- „Ich bin überfordert und brauche Hilfe.“
- „Ich will mich nicht festlegen, weil ich dann angreifbar werde.“
Nebel kann sogar freundlich, diplomatisch, spirituell, professionell, staatsmännisch sein. Doch er hat einen Preis: Er macht uns unwirksam. Und er macht Beziehungen kaputt, weil Menschen irgendwann spüren: Da stimmt etwas nicht, das ist nicht ehrlich.
Dialekt 1: Nebel in der spirituellen Szene
Hier klingt Nebel oft weich, weise und ein bisschen überirdisch und wird oft selbstverständlich hingenommen. Typische Sätze sind:
- „Es sollte nicht sein.“
- „Das Universum will das gerade nicht.“
- „Du bist noch nicht so weit.“
- „Das ist dein Spiegel.“
- „Wenn du wirklich in deiner Energie wärst, würde das nicht passieren.“
Manches davon kann als Werkzeug sinnvoll sein. Zum Beispiel kann ein „Spiegel“ eine Einladung zur Selbstreflexion sein. Und manchmal ist „noch nicht“ wirklich „noch nicht“.
Aber wenn diese Sätze benutzt werden, um nicht hinzuschauen, werden sie toxisch. Dann sind sie keine Spiritualität mehr, sondern Autorität in Räucherstäbchenform.
Das folgende Muster ist mir so oft begegnet, dass ich es gar nicht mehr zählen kann: jemand versucht etwas halbherzig, es klappt nicht sofort, und dann kommt: „Dann soll es nicht sein.“
Wie praktisch! Dann muss man nicht üben, dann muss man nicht fühlen, dass da vielleicht Angst ist. Und man muss auch nicht auf die inneren Barrieren schauen: Glaubenssätze, Loyalitäten, Selbstwert, Bindungsmuster, Nervensystem.
Und manchmal wird es noch perfider: Der Nebel wird zur Schuldkeule. Dann wird nicht mehr gefragt: „Was brauchst du? Was schützt dich?“, sondern: „Warum bist du noch nicht bewusst genug?“
Reife Spiritualität macht Menschen größer. Nicht kleiner. Sie hat sehr sehr viel mit Eigenverantwortung zu tun, denn wer Freiheit und Schöpferkraft leben möchte, kommt um diese Verantwortung nicht herum, egal, was das Universum sagt oder auch nicht.
Dialekt 2: Nebel im Business
Hier ist der Nebel meist nicht weich, sondern sachlich. Er trägt Krawatte oder Hoodie, aber er klingt immer „vernünftig“. Übliche Sätze sind:
- „Dafür haben wir keine Ressourcen.“
- „Das ist gerade nicht priorisiert.“
- „Dafür gibt es aktuell kein Budget.“
- „Der Markt ist schwierig.“
- „Das ist zu riskant.“
- „Das ist bei uns historisch so gewachsen.“
- „Das ist nicht in unserem Scope.“
Auch hier gilt: Manchmal stimmt es. Ressourcen sind endlich. Prioritäten sind real. Märkte sind wirklich schwierig.
Doch auch hier kann es Nebel sein. Und zwar aus genau den gleichen Gründen, die auch in der spirituellen Szene wirksam sind, nämlich der Angst vor Scheitern, die Kontrolle zu verlieren, „Nein“ sagen müssen und die Unfähigkeit, Konflikte auszutragen.
Im Business wird Nebel gerne als Professionalität verkauft. Und währenddessen sterben Projekte langsam an passivem Desinteresse.
Wenn ein Team dauerhaft „keine Kapazität“ hat, ist das manchmal wahr und manchmal ist es ein Symptom: fehlende Priorisierung, fehlende Entscheidung, zu viele Baustellen, zu wenig Mut zum Weglassen.
Dialekt 3: Nebel in Politik und Institutionen
Hier ist Nebel oft ein Systemprodukt. Nicht nur individuell, sondern strukturell. Die üblichen Sätze sind:
- „Das ist zu komplex.“
- „Da sind uns die Hände gebunden.“
- „Dafür liegt die Zuständigkeit woanders.“
- „Wir müssen die Menschen mitnehmen.“
- „Das ist rechtlich schwierig.“
- „Das geht nicht so einfach.“
Und ja: Politik ist komplex. Institutionen haben Prozesse. Zuständigkeiten sind real. Rechtliche Fragen sind real. Aber Nebel entsteht, wenn Komplexität als Schutzschild benutzt wird. Wenn niemand mehr sagen muss:
- „Wir wollen das nicht.“
- „Wir trauen uns nicht, weil wir Stimmen verlieren könnten.“
- „Wir profitieren von der Unklarheit.“
- „Wir können es nicht lösen, ohne dass es weh tut.“
Politischer Nebel ist besonders mächtig, weil er so oft plausibel klingt. Und weil er nicht selten belohnt wird: Wer klar spricht, macht sich angreifbar.
Das ist nicht „Gefühl gegen Verstand“
Man könnte meinen, die spirituelle Szene sei zu gefühlsbetont, das Business zu rational, die Politik zu taktisch. Doch das ist nur die jeweilige Sprache. Die eigentliche Trennlinie verläuft nicht zwischen Gefühl und Ratio, sondern zwischen Vermeidungsstrategien und Verkörperung.
- Vermeidung klingt schlau, bleibt aber folgenlos.
- Verkörperung ist gerne mal unbequem, aber sie ist wirksam.
Vermeidung sagt: „So ist es halt.“ Verkörperung sagt: „So ist es gerade. Und jetzt entscheiden wir.“ Und Verkörperung braucht beides: Gefühl und Verstand. Das Gefühl, um zu spüren, was wirklich ist, und den Verstand, um das, was wirklich ist, benennen zu können und zu entscheiden, welche nächsten Schritte jetzt hilfreich sind.
Drei Fragen, die Nebel entlarven – überall
Wenn du das Gefühl hast, du hörst gerade Nebel, kannst du dir selbst oder dem jeweiligen System folgende drei Fragen stellen. Natürlich steht dann manchmal Wahrnehmung gegen Wahrnehmung: Ich vermute „Da ist noch etwas“, während der andere sagt „Es sind die Ressourcen“. In so einem Moment hilft es, die Wahrnehmungen beider Seiten als gültig zu behandeln.
Deine Wahrnehmung heißt nicht: der andere lügt. Es heißt: vielleicht gibt es neben dem Gesagten noch mindestens einen zweiten Faktor. Du kannst deine Wahrnehmung als Einladung zum gemeinsamen Hinschauen formulieren.
Was ist die echte Barriere?
Spüre und schau genau hin. Was steht wirklich im Weg jenseits dessen, was der Nebel vorgibt?
- Angst?
- Scham?
- Risiko?
- Überforderung?
- Machtfrage?
- Loyalitätskonflikt?
- Nervensystem im Freeze?
Manchmal ist die echte Barriere auch: „Wir wollen es nicht.“ Und auch das ist eine Wahrheit, die Frieden machen kann, wenn man sie aussprechen darf.
Wer trägt wofür Verantwortung?
Bitte verwechsle an dieser Stelle nicht Schuld mit Verantwortung. Es geht nicht um Schuld (darum geht es fast nie), sondern um Klarheit.
- Wer entscheidet?
- Wer setzt um?
- Wer hat die Kompetenz?
- Wer trägt die Konsequenzen?
- Wer braucht Unterstützung?
Nebel liebt unklare Verantwortung. Klarheit liebt Zuständigkeit.
Was ist der nächste kleine echte Schritt?
Du brauchst keinen perfekten Masterplan, sondern eine Antwort auf die Frage: „Was ist der nächste Schritt, der real ist?“ Das kann eine Entscheidung, ein Versuch, ein Gespräch, eine Grenze sein.
Wenn man keinen nächsten Schritt benennen kann, ist es oft Nebel.
Ein kleines Übersetzungslexikon: Nebel in Klartext
Manchmal hilft es, die Sätze einfach zu übersetzen:
Spiritualität
- „Es sollte nicht sein“ kann bedeuten: „Ich traue mich nicht“, „Ich bin nicht bereit“ oder „Ich will es nicht genug.“
- „Die geistige Welt hat gesagt“ kannst du für dich übersetzen in: „Ich habe das so wahrgenommen und ich prüfe es.“
- „Das ist dein Spiegel“ kannst du für dich übersetzen in: „Hier ist vielleicht eine Information für dich. Was möchtest du damit machen?“
Business
- „Keine Ressourcen“ kann bedeuten: „Wir priorisieren es nicht oder trauen uns nicht.“
- „Nicht im Scope“ kann bedeuten „Wir wollen es nicht machen.“
- „Zu riskant“ kann bedeuten: „Wir haben Angst vor Verlust oder Fehlern.“
Politik/Institution
- „Komplex“ kann bedeuten: „Wir scheuen die Konsequenzen oder den Konflikt.“
- „Zuständigkeit woanders“ kann bedeuten: „Niemand will die Verantwortung tragen oder es machen müssen.“
- „Wir müssen die Leute mitnehmen“ kann bedeuten: „Wir haben Angst vor Widerstand.“
Natürlich: Das ist zugespitzt. Aber genau deshalb wirkt es. Es bringt Wahrhaftigkeit zurück in die Sprache.
Klarheit dient
Klarheit ist nicht dasselbe wie Härte. Bei Klarheit geht es auch nicht darum, Recht zu haben. Klarheit ist schlicht ein Dienst am Leben. Sie schützt Beziehungen, weil sie ehrlich ist. Sie schützt Systeme, weil sie Verantwortung sichtbar macht. Und sie schützt Menschen, weil sie Nebel lichtet, der sonst manipuliert.
Klarheit bedeutet auch nicht, dass wir immer alles sagen müssen, was wir denken. Das kann nicht nur anstrengend sein, sondern es geht auch einfach nicht darum. Klar zu sein bedeutet, das Wesentliche auf eine Weise zu sagen, die dafür sorgt, dass Würde nicht verletzt wird und gleichzeitig Wahrhaftigkeit gelebt werden kann.
Frieden entsteht, wenn wir nicht mehr ausweichen.
Nebel ist menschlich. Wir alle machen das. Ich auch. Der Unterschied ist nicht, ob wir Nebel haben, sondern ob wir ihn bemerken.
Wenn du das nächste Mal hörst:
- „Es sollte nicht sein.“
- „Keine Ressourcen.“
- „Komplex.“
Dann frag dich: Ist das eine echte Grenze oder ist das vielleicht ein Ausweichmanöver? Und wenn du merkst: Es ist Nebel, dann darfst du freundlich und klar werden.
FAQ
Was meinst du mit „Nebel“ in diesem Text genau?
Mit Nebel meine ich Sprache, die etwas verdeckt: Angst, Scham, Überforderung, Loyalitäten oder ungelöste Konflikte. Sie klingt oft vernünftig oder spirituell, dient aber in Wahrheit als Schutzschild, damit niemand Verantwortung übernehmen, fühlen oder entscheiden muss.
Ist Nebel dasselbe wie Lügen oder böse Absicht?
Nein. Nebel ist meist keine bewusste Lüge, sondern ein automatischer Schutz unseres Nervensystems. Menschen wollen dazu gehören, Konflikte vermeiden und sich nicht blamieren. Deswegen klingt vieles wie ein Sachzwang oder ein geistiges Gesetz, obwohl innen eigentlich etwas ganz anderes los ist.
Wie unterscheide ich Nebel von einer echten Grenze?
Eine echte Grenze ist meist konkret und nachvollziehbar: Zeit, Geld, Kapazitäten, rechtliche Rahmen, Gesundheit. Nebel bleibt vage und lässt selten einen nächsten Schritt zu. Wenn niemand sagen kann, was konkret noch geprüft, entschieden oder verändert werden könnte, ist das ein starkes Nebel-Indiz.
Ist es nicht übergriffig, anderen „Nebel“ zu unterstellen?
Ja, wenn ich es als Urteil benutze. Deswegen betone ich: Deine Wahrnehmung heißt nicht, dass der andere lügt. Sie heißt erst einmal nur: „Ich spüre, da könnte mehr im Spiel sein.“ Du kannst das als Einladung formulieren: freundlich nachfragen, ob es neben dem Gesagten noch weitere Faktoren gibt.
Was kann ich tun, wenn ich im Unternehmen ständig Sätze wie „keine Ressourcen“ höre?
Du kannst nach der echten Barriere fragen: „Was genau fehlt: Zeit, Budget, Priorisierung, Entscheidung?“ und wer wofür Verantwortung trägt. Wenn klar ist, wer entscheidet und welchen Preis eine Entscheidung hätte, löst sich viel Nebel von selbst oder es wird wenigstens ehrlich, dass etwas nicht gewollt ist.
Was mache ich, wenn ich merke, dass ich selbst viel Nebel spreche?
Dann ist das kein Grund für Scham, sondern ein guter Startpunkt. Du kannst dich fragen: Wovor will ich mich gerade schützen? Vor Konflikt, Überforderung, Schuld, Ablehnung? Wenn du das benennen kannst, wird Klarheit möglich. Ein kleines, ehrliches „Eigentlich habe ich Angst …“ wirkt oft stärker als zehn elegante Ausweichsätze.
Ist Klarheit nicht hart oder verletzend?
Klarheit kann unbequem sein, muss aber nicht hart sein. Es macht einen Unterschied, ob ich sage: „Das ist Quatsch“ oder „Ich merke, dass ich das so nicht mittragen kann, und ich möchte ehrlich damit sein.“ Klarheit dient, wenn sie würdevoll formuliert ist und sowohl die eigene Wahrheit als auch die Beziehung im Blick behält.
Warum verbindest du Spiritualität, Business und Politik in einem Beitrag?
Weil die Muster dieselben sind, nur die Sprache wechselt. In allen drei Bereichen nutzen Menschen Nebel, um Zugehörigkeit zu sichern, Verantwortung zu vermeiden oder Angst zu kaschieren. Wenn wir das quer über diese Welten hinweg erkennen, wird klarer, dass es um menschliche Nervensysteme und Haltung geht und nicht um „die böse Politik“ oder „die verrückte spirituelle Szene“.



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