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Inhaltsverzeichnis ein-/ausklappen
- Mein bewusst-spiritueller Weg
- Der Moment, in dem ich am liebsten verschwunden wäre
- Was diese Entscheidung verändert hat
- Frieden, Waffenruhe und all die Krücken dazwischen
- Eine psychologische Brille: Schuld, Scham und das Drama-Dreieck
- Schuld und Scham
- Opfer, Täter*in, Retter*in – wenn eine Rolle zur ganzen Wahrheit wird
- Was ich nicht meine
- Wie realistisch ist das alles?
- FAQ
Inhaltshinweis / Triggerwarnung
In diesem Text geht es um sehr tiefgehende Themen:
- Scham, Selbsthass und das Gefühl, „nicht existieren zu dürfen“
- Täter- und Opfererfahrungen (auch in früheren Inkarnationen, aus schamanischer Sicht)
- Schuld, Verantwortung und spirituelle Schattenarbeit
- Depression, innere Abgründe und die Frage, ob man überhaupt noch hier sein möchte
Wenn du selbst traumatische Erfahrungen gemacht hast, aktuell sehr labil bist oder mit Suizidgedanken kämpfst, kann dieser Text starke Gefühle auslösen. Bitte lies ihn nur, wenn du dich im Moment stabil genug fühlst und mach Pausen oder hör auf zu lesen, sobald es dir zu viel wird.
Dieser Text ersetzt keine Therapie und keine medizinische oder psychologische Unterstützung.
Wenn es dir gerade sehr schlecht geht oder du daran denkst, dir etwas anzutun, wende dich bitte an Menschen, die dich direkt unterstützen können, zum Beispiel an vertrauenswürdige Personen in deinem Umfeld, an therapeutische Fachmenschen oder an eine Krisen- bzw. Notfallnummer in deinem Land. In akuten Notfällen wähle bitte den Notruf (z. B. 112 in Deutschland).
Mein bewusst-spiritueller Weg
Ich bin atheistisch aufgewachsen. Doch ich habe mein Leben sehr genau beobachtet und erlebte immer wieder, dass meine inneren Entscheidungen manchmal sofort Veränderungen im Außen brachten, ohne dass ich dafür auch nur einen Handschlag getan hätte. Irgendwann konnte ich also nicht mehr umhin anzunehmen, dass da irgendein ordnendes Prinzip hinter den sichtbaren Dingen wirkt. Und so begann ich meinen bewusst-spirituellen Weg.
Er begann nicht mit Licht, Liebe und Engelskarten und auch nicht weil ich Langweile hatte. Er begann quasi auf dem Gipfel aller gefühlten Sinnlosigkeit in meinem Leben. Dieser Weg führte mich als erstes durch meinen eigenen Schatten hindurch. Nicht als Option, sondern immer wieder und über mehrere Jahre als Zwangslage: Es gab kein Drumherum mehr.
Ich musste also auf alles schauen, was da im Verborgenen gelegen hatte:
- meine Täterseiten,
- meine Retterin,
- meine Opfergeschichten,
- meine Muster, in denen ich andere klein gehalten oder über sie bestimmt habe,
- und all das, was ich an mir selbst nicht sehen wollte.
Heute erkenne ich, wie wichtig diese Arbeit damals war und verstehe, warum sie als erstes kam. Seit meiner Kindheit war ich auf der Suche nach Frieden. Diese Suche hat mich durch mein Leben geführt und ich musste sehr viel lernen, verstehen und in mir drehen. Und ich glaube, ich habe den Punkt gefunden, wo – zumindest für mich – echter und stabiler Frieden nicht nur in mir selbst, sondern auch, wenn das viele Menschen machen, in der Welt.
Frieden fängt an der Stelle an, an der ich am liebsten vor mir selbst fliehen würde.
Nicht da, wo ich schon nett und rund bin.
Der Moment, in dem ich am liebsten verschwunden wäre
Es gibt Punkte im Leben, da geht es nicht mehr um „ein bisschen persönliches Wachstum“. Da geht es im eigenen Erleben tatsächlich um nichts geringeres als um Sein oder Nichtsein. Das kann so leise geschehen, dass das Außen es nicht einmal mitbekommt. Und ich glaube tatsächlich, dass dies eher öfter so leise ist.
Genau so einen Moment hatte ich, als ich mich an eine frühere Inkarnation erinnerte, in der ich Täterin war. Täterin war ich damals nicht im Sinne von „Ich war mal gemein“, sondern wirklich Täterin. Jemand, der sehr vielen anderen Menschen massiv Leid zugefügt hat.
Mein erster Impuls war: „Eigentlich muss ich weg von dieser Erde.“
Dieser Gedanke, dieses Gefühl lässt sich nicht mit einem positiven Glaubenssatz wegatmen. Das ist dieser innere Abgrund, an dem etwas in dir sagt:
- „Wenn das stimmt, was ich da über mich sehe, dann habe ich kein Recht mehr, da zu sein.“
- „Wenn ich zu so etwas fähig war, darf ich nicht mehr dazugehören.“
Psychologisch ist das reine Scham. Nicht: „Ich habe etwas Falsches getan“, sondern: „Ich bin falsch.“
So lief ich also wochenlang mit dem Gefühl herum, dass ich eigentlich nicht mehr hier sein dürfte und gleichzeitig lebte ich noch. Ich atmete, ich aß, ich redete mit Menschen. Dieser Widerspruch war kaum auszuhalten. Und irgendwann habe ich die Geister gefragt:
„Wie soll ich mich denn jemals wieder lieben können, wenn das alles wahr ist?“
Die Antwort war unspektakulär und gleichzeitig radikal:
„Tu es einfach.“
Sie haben mich nicht getröstet. Es kam auch kein: „War doch nicht so schlimm“. Nur: Tu es.
In dem Moment habe ich verstanden: Es wird keinen magischen Moment geben, in dem sich erst alles richtig anfühlt und dann darf ich mich wieder lieben.
Die Reihenfolge ist andersrum: Ich entscheide mich, mich zu lieben: mit der Täterin in mir, mit dem Abgrund, und erst daraus kann sich etwas heilen. Und genau das ist für mich der Punkt, an dem Selbstliebe existenziell wird:
- Nicht, wenn ich gut funktioniere.
- Nicht, wenn ich gerade spirituell sehr hübsch unterwegs bin.
- Sondern genau dort, wo ich mich selbst für untragbar halte.
An diesem Punkt ist Selbstliebe kein Gefühl. Sie ist eine Haltung. Eine innere Zusage an mein Ich, an alle Anteile von mir, wie „hoch“ oder „niedrig“ sie auch sein mögen:
„Egal, was du getan hast oder wozu du fähig bist,
ich entscheide mich, dir als Teil von mir nicht das Recht abzusprechen, da zu sein.“
Hier beginnt für mich bedingungslose SelbstLiebe. Nicht im Kuschelmoment, sondern in der inneren Zelle, in der ich sitze und mir sage:
„Ja. Auch du. Auch so. Ich lasse dich nicht fallen.“
Das war der erste echte Geschmack von Frieden.
Was diese Entscheidung verändert hat
Mit dieser Entscheidung ist etwas in mir frei geworden. Es war nicht plötzlich alles „gut“, wirklich nicht. Aber ab dem Moment musste ich nicht mehr um jeden Preis darum kämpfen, in meinem Leben nicht als Täterin dazustehen – weder vor mir selbst noch vor anderen.
Solange ich mich nur lieben kann, wenn ich „gut“ bin, bin ich erpressbar. Dann muss ich jede Wahrheit vermeiden, die zeigt, dass ich es nicht immer war:
- Ich schiebe Schuld weg.
- Ich erkläre mich zum Opfer, wo ich Verantwortung trage.
- Ich rette andere, statt ehrlich zu sein.
- Ich spiritualisiere mich aus allem raus: „Auf Seelenebene ist doch alles eins.“
In dem Moment, in dem ich beschlossen habe: „Ich liebe mich auch mit dieser Geschichte.“ konnte ich anfangen, wirklich hinzuschauen.
- Wo habe ich Menschen verletzt – in diesem Leben und früher?
- Wo habe ich andere retten wollen, statt ihnen ihre Verantwortung zu lassen?
- Wo habe ich mich über andere gestellt, statt auf Augenhöhe zu kommen?
Und – das ist der entscheidende Punkt – ich konnte das tun, ohne dabei innerlich zu sterben.
Selbstverständlich kenne ich noch immer die Gefühle von Trauer und Scham und erschrecke, wenn ich mein Täterinnensein erkenne, aber ich musste mich nicht mehr aus der Menschheit und aus dem Leben ausschließen.
Genau das ist für mich der Unterschied zwischen:
- Selbstliebe als Konzept („Sei lieb zu dir, gönn dir ein Bad.“)
- und Selbstliebe, die existenziell wird („Ich bleibe an deiner Seite, selbst wenn ich deinen Abgrund sehe.“)
Solange meine Liebe zu mir an Bedingungen geknüpft ist, werde ich vor gewissen Wahrheiten fliehen.
Wenn sie bedingungslos wird, kann ich endlich aufhören zu rennen.
Auf diesem Boden kann stabiler Frieden entstehen: in mir, in Beziehungen und irgendwann auch größer.
Frieden, Waffenruhe und all die Krücken dazwischen
Wenn ich von Frieden spreche, meine ich etwas anderes als das, was wir oft gesellschaftlich „Frieden“ nennen.
- Wenn Politikwissenschaft von Frieden spricht, meint sie oft: Machtbalance und das Ausbleiben von Krieg durch Abschreckung.
- Wenn der Rechtsstaat von Frieden spricht, meint er: Regeln, Gewaltenteilung, Gerichte; Systeme, die Macht begrenzen und uns gegenseitig kontrollieren.
- Wenn Moral von Frieden spricht, meint sie häufig: Normen, die unser Verhalten steuern: „So macht man das nicht.“ oder „Sei tolerant.“
- Wenn Systemtheorien von Frieden sprechen, meinen sie: ein Gleichgewicht komplexer Kräfte, in dem es gerade nicht eskaliert.
Ich halte all das für wichtig. Ohne Rechtsstaat, ohne Institutionen, ohne gewisse Normen würden wir uns wahrscheinlich deutlich mehr weh tun. Manchmal braucht Liebe sogar ein sehr klares „Stopp“ bis hin dazu, Ausbeutung und Gewalt aktiv zu begrenzen, damit überhaupt erst Strukturen entstehen können, in denen tiefe Innenschau möglich ist.
Aber für mich ist das nicht Frieden. Es ist Waffenruhe. Es ist gebremste Gewalt und Übergangstechnologie. Es sind Krücken, die uns helfen, solange wir innerlich noch nicht stabil gehen können.
Für mich beginnt stabiler Frieden nicht in Verträgen oder Institutionen, sondern in dem inneren Moment, in dem ein Mensch aufhört, sich selbst zu verstoßen
und beschließt, sich auch mit seinen dunkelsten Anteilen zu lieben und Verantwortung zu übernehmen.
Alles, was wir danach gemeinsam bauen, also Politik, Strukturen, Umgang mit Ressourcen, Wirtschaft, Erziehung, kann Ausdruck dieses Friedens sein.
Eine psychologische Brille: Schuld, Scham und das Drama-Dreieck
Schuld und Scham
Zunächst einmal kommt hier eine grobe Unterscheidung:
- Schuld sagt: „Ich habe etwas Falsches getan.“
- Scham sagt: „Ich bin falsch.“
Schuld kann eine Grundlage für Verantwortung sein: „Ja, das war nicht okay. Ich stehe dazu und lerne daraus.“ Scham dagegen greift die eigene Existenz an: „So, wie ich bin, darf ich nicht da sein.“
Wenn wir wirklich auf unsere dunklen Seiten schauen – auf Gewalt, Gemeinheit, Machtmissbrauch, Rettungssucht – landet unser Nervensystem schnell in der Scham. Der innere Dialog geht dann Richtung:
- „Ich darf so nicht existieren.“
- „Ich bin Dreck.“
- „Wenn das jemand sieht, verliere ich alles und es wäre richtig.“
Genau an dieser Stelle setzt die Bedingungslosigkeit der Selbstliebe an. Nicht, indem sie sagt: „War doch alles nicht so schlimm.“ Sondern indem sie sagt: „Ja, das war schlimm. Ja, du trägst Verantwortung. Und trotzdem kündige ich dir nicht die Liebe.“
Das macht Verantwortung nicht kleiner, es macht sie überhaupt erst tragbar.
Opfer, Täter*in, Retter*in – wenn eine Rolle zur ganzen Wahrheit wird
Viele von uns kennen drei Grundrollen: Opfer, Täter*in, Retter*in. Alle drei sind menschlich. Problematisch wird es, wenn eine dieser Rollen zur einzigen Wahrheit werden muss.
Wenn ich nur in der Opferrolle bleiben darf, muss ich meine Täter*innen- und Retter*innenseiten abspalten.
- Ich bleibe innerlich ohnmächtig,
- andere müssen immer schuld sein,
- und ich kann kaum Verantwortung übernehmen, ohne mich zu vernichten.
Ich erkläre alles, was ich tue, zur Notwehr und verliere meinen eigenen Gestaltungsspielraum.
Wenn ich nur in der Täter*innenrolle bleiben darf, muss ich meine verletzlichen Opferanteile und meine echte Fürsorge abspalten.
- Verletzlichkeit fühlt sich gefährlich oder lächerlich an.
- Nähe wird zur Bedrohung.
- Härte, Kontrolle und Angriff werden zur Rüstung.
Unter der Oberfläche sitzt oft eine riesige Angst, je wieder weich zu werden und eine tiefe, gut versteckte Traurigkeit.
Wenn ich nur in der Retter*innenrolle bleiben darf, muss ich meine eigene Bedürftigkeit und meine Übergriffigkeit abspalten.
- Ich bin die, die hilft, die trägt, die Verantwortung übernimmt.
- Ich „weiß besser“, was andere brauchen.
- Ich übergehe die Grenzen anderer – natürlich zu ihrem Besten.
Ohne es zu merken, halte ich andere klein und halte mich selbst am Limit. Co-Abhängigkeit, völlige Erschöpfung, heimliche Wut sind häufige Folgen.
Frieden beginnt dort, wo ich bereit bin, alle drei Rollen in mir zu sehen – Opfer, Täterin und Retterin – und keine davon als Feind zu behandeln.
Ich muss sie nicht mehr spielen, um geliebt zu sein. Ich darf sie fühlen, anerkennen und dann freier entscheiden, wie ich heute handeln will. Und irgendwann kann ich diese drei Rollen immer öfter einfach verlassen.
Was ich nicht meine
An dieser Stelle ist mir wichtig, deutlich zu sagen, was ich nicht meine:
- Selbstliebe ist kein Freifahrtschein für destruktives Verhalten. Destruktives Verhalten ist in meiner Wahrnehmung eher ein Mangel an Selbstliebe an irgendeiner Stelle in mir.
- Sie ist kein „Ist doch alles egal, auf Seelenebene ist alles Liebe“. Selbst wenn auf der seelischen Ebene alles Liebe ist, sind wir doch Menschen, und geht es – zumindest mir – darum, hier auf der Erde sowohl Selbstliebe als auch Liebe zu verkörpern.
- Sie ist kein „Opfer sollen sich halt einfach mehr selbst lieben, dann passt das schon“.
- Selbstliebe heißt nicht, dass du innerlich oder äußerlich keine Konsequenzen tragen musst.
Im Gegenteil:
- Selbstliebe macht es erst möglich, Schuld und Verantwortung wirklich zu tragen, statt sie wegzuschieben.
- Sie sagt nicht: „Es war nicht so schlimm“, sondern: „Es war schlimm und ich bleibe trotzdem bei mir.“
Und: Wenn du schwere Traumageschichten hast, Missbrauch erlebt hast oder merkst, dass dich dieses Thema überflutet, versuch bitte nicht, das alles ganz allein „wegzulieben“. Manchmal ist der liebevollste Schritt, den du tun kannst, dir Unterstützung zu holen, therapeutisch, körperorientiert, seelisch.
Wie realistisch ist das alles?
Vielleicht fragst du dich, ob das nicht alles furchtbar idealistisch ist.
Wie realistisch ist es, dass eine kritische Masse von Menschen diesen inneren Punkt berührt, diese existenzielle Schwelle, an der diese Menschen den Krieg gegen sich selbst beenden?
Ich glaube nicht, dass das in einer Generation erledigt ist. Ich denke in Jahrhunderten.
Aber ich glaube auch:
- Jeder Mensch, der diesen Punkt berührt, verändert die Welt um sich herum.
- Er zieht Kinder groß, die lernen, dass auch wirklich schwere Fehler nicht das Ende der Liebe sind.
- Er begleitet Menschen so, dass Verantwortung möglich wird, ohne Vernichtung.
- Er gestaltet Beziehungen, Arbeit, Politik, Wirtschaft anders, weil er sich selbst anders hält.
Und ich spüre die Sehnsucht danach überall (Über all die festhaltenden Gegenbewegungen habe ich an anderer Stelle viel geschrieben. Hier geht es um den Punkt, an dem etwas Neues anfängt.):
- nach Frieden,
- nach Gleichberechtigung,
- nach Augenhöhe,
- nach echter Gleichwürdigkeit.
Wo eine Sehnsucht ist, richtet sich unser inneres System aus. Wer Frieden will, beginnt, oft unbewusst, danach zu suchen:
- nach Menschen, die das leben,
- nach Büchern, Wegen, Werkzeugen,
- nach anderen Formen von Miteinander.
„Suchet, so werdet ihr finden“ ist psychologisch ziemlich logisch, und spirituelle Menschen kennen die Aussage: „Energy flows where focus goes.“
Wohin ich meine Aufmerksamkeit richte, dahin bewegt sich mein Leben.
Ich halte es für gut möglich, dass in ein paar hundert Jahren eine deutlich größere Zahl von Menschen diesen inneren Punkt berührt hat. Vielleicht geht es sogar schneller, als wir glauben.
Ich jedenfalls habe beschlossen, meinen Teil dazu beizutragen. Genau das ist für mich der Kern von „Frieden und Schokolade“:
- ein Weltfrieden, der in der ehrlichsten Form von Selbstliebe wurzelt,
- und ein Leben, in dem es erlaubt ist, ganz Mensch zu sein: mit Licht, mit Schatten, mit Tränen, mit Lachen.
Und ja: mit Schokolade.
FAQ
Was meinst du mit „Selbstliebe, die existenziell wird“?
Mit existenzieller Selbstliebe meine ich nicht Selbstfürsorge im Sinn von „gönn dir was“, sondern die innere Entscheidung, bei dir zu bleiben, auch wenn du Seiten von dir siehst, für die du dich am liebsten aus der Existenz nehmen würdest. Es geht um Selbstliebe an der Schwelle von Sein oder Nichtsein, genau dort, wo Scham sagt: „So darf ich nicht da sein“, und du trotzdem innerlich sagst: „Ich bleibe bei dir.“
Muss ich an frühere Leben glauben, um etwas mit dem Text anfangen zu können?
Nein. Meine Erinnerung an eine frühere Inkarnation ist Teil meines persönlichen Weges und meiner schamanischen Praxis. Wenn du mit früheren Leben nichts anfangen kannst, kannst du diese Episode wie ein Bild für Situationen lesen, in denen du dich als „Täter:in“ oder moralisch extrem schuldig erlebst. Entscheidend ist nicht, ob du an Reinkarnation glaubst, sondern ob du den Punkt kennst, an dem du fühlst: „So, wie ich bin oder war, darf ich eigentlich nicht existieren.“ Genau dort setzt der Text an.
Ist das nicht gefährlich? Klingt das nicht wie eine Entschuldigung für Täter:innen?
Gute Frage. Selbstliebe bedeutet in diesem Text nicht: „Ist doch alles nicht so schlimm“ oder „Konsequenzen sind egal“. Im Gegenteil: Ohne einen inneren Boden von Selbstannahme ist echte Verantwortung oft gar nicht möglich, weil Scham uns dazu bringt, Schuld abzuwehren oder uns selbst zu vernichten. Existenzielle Selbstliebe heißt: „Ja, das war schlimm. Ja, ich trage Verantwortung. Und ich höre trotzdem auf, mich innerlich aus der Menschheit auszuschließen.“ Das macht Verantwortung nicht kleiner, sondern innerlich und nach außen tragbarer.
Was ist der Unterschied zwischen Schuld und Scham und warum ist das so wichtig?
Schuld sagt: „Ich habe etwas Falsches getan“. Sie bezieht sich auf Verhalten und kann Grundlage für Wiedergutmachung und Lernen sein. Scham sagt: „Ich bin falsch“. Sie greift deine Existenz an und will dich am liebsten auslöschen. Wenn wir auf unsere dunklen Seiten schauen, kippen viele von uns in Scham: „Ich dürfte so gar nicht da sein.“ Der Text zeigt einen Weg, wie du aus dieser Vernichtungs-Scham wieder zurück in eine Form von Selbstliebe kommst, in der Verantwortung möglich ist, ohne dich innerlich zu töten.
Was kann ich tun, wenn mich der Text sehr triggert oder überflutet?
Wenn beim Lesen starke Gefühle hochkommen, ist das nicht ungewöhnlich. Gerade bei Themen wie Schuld, Scham und Täter*innensein. Wichtig ist, dass du dich nicht durch den Text „durchprügelst“. Du darfst Pausen machen, aufstehen, atmen, deinen Körper spüren, aus dem Fenster schauen oder jemandem schreiben. Wenn du merkst, dass dich der Text komplett überflutet, leg ihn zur Seite und such dir Unterstützung: eine vertraute Person, therapeutische oder beratende Begleitung. Du musst diese Themen nicht allein und nicht auf einmal halten.
Kann ich diesen Prozess allein gehen oder brauche ich Begleitung?
Manche Menschen können mit solchen Texten eigene Erfahrungen sortieren und innerlich Schritte gehen. Andere merken schnell, dass alte Traumata, Missbrauchserfahrungen oder tiefe depressive Muster mit hochkommen. Dann ist es kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstliebe, therapeutisch, körperorientiert, seelisch-spirituell Unterstützung zu holen. Besonders wenn du Suizidgedanken kennst, viel Dissoziation erlebst oder in aktuellen Gewaltkontexten lebst, ist Begleitung kein Luxus, sondern Teil von Schutz und Heilung.
Wie soll aus meiner Selbstliebe bitte Weltfrieden entstehen?
Natürlich beendet ein einzelner innerer Prozess nicht alle Kriege. Wenn ich davon spreche, dass stabiler Frieden dort beginnt, wo wir den Krieg gegen uns selbst beenden, meine ich eine langsame, generationenübergreifende Bewegung. Jeder Mensch, der lernt, mit Schuld und Scham anders umzugehen, gestaltet Beziehungen, Erziehung, Arbeit, Politik und Umgang mit Macht anders. Daraus entstehen andere Strukturen, andere Entscheidungen und andere Kulturen. Dieser „magische Knopf“ ist ein tiefer Prozess von innen nach außen und du bist ein Teil davon, nicht die alleinige Lösung.
Für wen ist dieser Beitrag nicht ausreichend?
Wenn du aktuell unter starken Depressionen, Panik, traumatischen Erinnerungen, anhaltenden Suizidgedanken oder dem Gefühl völliger Überforderung leidest, reicht Lesen allein in der Regel nicht aus. Dann kann es wichtig sein, dir psychotherapeutische, ärztliche oder spezialisierte Beratungsunterstützung zu holen. Wenn du in einer Situation mit körperlicher, seelischer oder sexualisierter Gewalt bist, steht dein Schutz an erster Stelle. Hier sind Beratungsstellen, Hilfetelefone oder Vertrauenspersonen vor Ort entscheidend. Dieser Text kann dich begleiten, aber er ersetzt keine konkrete Hilfe.



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