Wenn Heilung zur Falle wird

Alte Holzkiste mit Handwerkzeugen im warmen Sonnenlicht vor grünem Hintergrund – Symbol für innere Heilungswerkzeuge und den Weg ins Leben.

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So kommst du aus dem inneren Dauer-Aufräum-Modus ins Leben

Vielleicht kennst du das:

Du hast über viele Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, an dir gearbeitet. Du kennst Therapie, Coaching, spirituelle Wege, Bücher, Selbsterfahrung. Du verstehst dich besser denn je und trotzdem fühlt es sich immer noch so an, als würdest du einfach nicht fertig werden, als würdest du niemals wirklich heil sein.

Ein Teil in dir sagt vielleicht:

  • „Bei mir ist das alles viel komplexer und komplizierter als bei anderen.“
  • „Ich bin irgendwie auf eine Art kaputt, die man nicht wirklich lösen kann.“
  • „Ich muss einfach noch mehr aufräumen, dann irgendwann …“

In diesem Beitrag geht es um zwei Muster, die ich bei mir selbst kennengelernt habe und in der Begleitung anderer Menschen immer wieder sehe:

  1. Das Gefühl: „Mein Fall ist besonders schwer und eigentlich unlösbar.“
  2. Das Muster: „Ich bleibe im inneren Aufräum-Modus hängen und komme nicht ins Gestalten.“

Und ich zeige dir ein paar weitere typische Fallen auf dem inneren Weg, meinen Blick auf „Heilung“, Selbstliebe und gebe eine mögliche Antwort auf die Frage, wie wir liebevoll mit uns umgehen können, auch wenn wir einen Teil in uns entdecken, den wir gerade nicht lieben können.

Es geht mir nicht darum, dir ein neues Problem-Etikett zu verpassen, sondern vielmehr darum, dass du vielleicht spürst:

„Ah. Das hat einen Namen. Ich bin nicht allein. Und ich darf weitergehen.“

Warum ich das Wort „Heilung“ ungern benutze

Bevor wir in die Muster einsteigen, möchte ich etwas zu dem Wort sagen, das überall herumfliegt: Heilung.

Ehrlich: Ich mag dieses Wort nur sehr bedingt. In vielen spirituellen Kontexten ist es für mich so überstrapaziert und inhaltsleer, dass es mich eher nervt: „Endlich heil werden“, „komplette Heilung“, „ich bin Heilerin“… Da klebt viel Versprechen, Druck und häufig auch Arroganz dran. Es transportiert oft unterschwellig: „Du bist kaputt, und jemand oder eine Methode macht dich wieder ganz.“

Wenn du dich kaputt fühlst, nehme ich dieses Empfinden sehr ernst. Dieses Gefühl ist echt und wichtig und hat seine Geschichte. Ich will dir das nicht wegdiskutieren.

Gleichzeitig ist meine Sicht: Du bist so, wie du jetzt bist, heil mitsamt all deinen Schutzstrategien, Symptomen, Reaktionen und Fehlern. Ich stelle diese Perspektive nicht gegen dein Erleben, sondern daneben: als Einladung, dich nach und nach auch als ganz zu erleben, während du mit dem arbeitest, was weh tut.

Was uns oft im Weg steht, sind nicht Defekte, sondern Entscheidungen und Muster, die wir irgendwann meistens unbewusst getroffen und erlernt haben.

Sie waren einmal sinnvoll. Sie haben dir geholfen zu überleben, zu funktionieren, dazu zu gehören, nicht zu zerbrechen. Heute unterstützen sie dich vielleicht nicht mehr. Sie engen ein, machen müde oder halten dich in alten Schleifen.

Ich spreche deshalb selten von Heilung, sondern viel lieber von Wandlung oder von einem Prozess, in dem du erkennst:

  • welche früher hilfreichen Entscheidungen dich noch immer steuern, dich heute aber eher behindern,
  • welche neue Entscheidungen kannst du nach und nach treffen, die zu deinem jetzigen Leben passen
  • welche Muster hast du gelernt, um zu überleben und
  • wie kannst du neue Wege beschreiten, so dass alles von dir mitkommt: dein Geist, deine Seele, dein Nervensystem, deine Werte

Wenn du dich im Moment kaputt, beschädigt, falsch fühlst, lade ich dich ein diesen Text so zu lesen:

„Da ist jemand, der mich nicht als kaputtes Reparaturprojekt sieht, sondern als lebendigen Menschen mit sehr verständlichen Strategien.“

Manchmal reicht es für den Anfang, dass ein Mensch dich so sieht, selbst wenn du es noch nicht fühlst.

Mein inneres Motto: „Ich bin maximal freundlich mit mir selbst“

Eine Entscheidung, die meinen eigenen Weg sehr verändert hat, ist diese:

„Ich bin maximal freundlich mit mir selbst.“

Das ist ein Satz, den ich mir vor allem dann sage, wenn es schwierig wird.

  • Wenn etwas schiefgeht.
  • Wenn ein altes Muster anspringt.
  • Wenn ich mich verhalte, wie ich mich eigentlich nicht verhalten möchte.
  • Wenn die innere Kritikerin die Ärmel hochkrempelt.

Ich stelle mir dann vor, ich schaue auf mich wie auf einen Menschen, den ich sehr mag und der es gerade schwer hat. In einem solchen Fall sage ich innerlich:

„Stopp. Ich bin jetzt maximal freundlich mit mir.
Ich schaue mit dem freundlichsten Blick auf mich, zu dem ich gerade fähig bin.“

Der innere Kritiker, die innere Kritikerin, die gibt es auch in mir. Sie hat ihren Platz, denn sie hilft mir zu differenzieren und Verantwortung zu übernehmen. Aber mitten im Schmerz, mitten in Überforderung oder Scham ist sie selten hilfreich.

In solchen Momenten ist diese bewusste Freundlichkeit für mich kein Luxus, sondern ein Schutz:

  • Sie nimmt dem inneren Prügel-Modus den Raum.
  • Sie schafft überhaupt erst einen Zustand, in dem ich klarer sehen kann.
  • Und sie erinnert mich daran, dass ich nicht „kaputt“ bin, sondern ein Mensch in Bewegung.

Wenn Selbstliebe (noch) nicht geht: Liebe den Widerstand

Mein Weg ist stark von bedingungsloser Selbstliebe geprägt. Das klingt schön und in der Praxis gibt es Momente, in denen ich an meine Grenzen komme, zum Beispiel wenn ich in mir ein Muster entdecke, das ich zutiefst ablehne.

Nehmen wir Arroganz. Ich sehe in mir eine Reaktion, die arrogant wirkt. Ein Teil in mir denkt: „Oh nein, so will ich auf gar keinen Fall sein. Das geht gar nicht.“

An dieser Stelle fällt es mir schwer, mich selbst zu lieben. Ich merke einen inneren Widerstand. Ich selbst spüre dann einfach nur, dass meine Selbstliebe in diesen Bereich einfach nicht hineinfließen kann. Es fühlt sich wie eine Mauer in mir an. Gedanken habe ich dann eher nicht. Wenn du vielleicht Gedanken hast, die zu solchen Momenten passen, könnten sie so lauten:

  • „Das darf so nicht da sein.“
  • „Wenn ich das liebe, bleibt es doch so.“
  • „Das ist falsch an mir.“

Vielleicht sind wir in einer solchen Situation versucht, entweder in Selbstkritik zu gehen oder uns „spirituell darüber hinweg zu lieben“. Beides funktioniert nicht.

Ich mache etwas anderes: Wenn ich merke, ich kann diesen Anteil gerade nicht lieben, gehe ich einen Schritt zurück und sage:

„Okay. Dann liebe ich jetzt zuerst den Widerstand.“

Ich beginne, freundlich auf den Teil in mir zu schauen, der sagt: „So darf ich nicht sein.“ Ich muss diesen Widerstand nicht sofort verstehen. Ich nehme ihn erst einmal an, so wie er ist.

Was ich immer wieder erlebe: Wenn ich den Widerstand liebe, entsteht so etwas wie eine Liebeskette. Es ist, als würde eine weiche, freundliche Energie sich langsam durch mein Inneres bewegen:

  • vom Widerstand
  • zu dem Teil, der Angst hat
  • weiter zu den Gründen, warum ich an dieser Stelle so reagiere
  • bis hin zu dem Ort, an dem der eigentliche Schmerz liegt

Und plötzlich wird verständlicher:

  • Warum ich an dieser Stelle arrogant werde oder kalt, hart, überangepasst, beleidigt …
  • Wovor ich mich schützen wollte.
  • Was in mir sich klein, hilflos oder beschämt gefühlt hat.

Wenn diese Verbindung klarer wird, kann sich das Muster nach und nach wandeln und zwar nicht, weil ich mich zwinge, anders zu sein, sondern weil wieder Selbstannahme und Liebe bis zu dem Punkt durchdringen können,
an dem ich mich ursprünglich schützen musste.

Für mich ist das ein Schlüssel auf dem Weg der Selbstliebe:

Wenn du dich (noch) nicht mit einem bestimmten Muster lieben kannst, versuch nicht, dich zu zwingen.

Vielleicht kannst du anfangen, den Widerstand zu lieben, der „Nein“ sagt. Oft beginnt die Liebeskette genau dort.

Muster 1: „Mein Fall ist besonders schwer – bei mir geht das nicht“

Es gibt eine bestimmte innere Stimme, die ungefähr so klingt:

„Wenn du wirklich wüsstest, wie es in mir aussieht, würdest du merken, dass das bei mir nicht geht.“
„Für andere mag Heilung funktionieren. Aber mein Fall ist … anders.“

Vielleicht taucht sie bei dir ganz leise im Hintergrund auf. Vielleicht ist sie aber auch sehr laut und vertraut.

Wie sich dieses Muster anfühlt

Typisch für dieses Muster ist eine Mischung aus tiefer Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit und gleichzeitig einer hohen Sensibilität: Du nimmst viel wahr, reflektierst viel, verstehst viel. Oft steckt auch das Gefühl dahinter, nicht richtig dazuzugehören. So etwas wie: „Andere haben Probleme, aber die kriegen das irgendwie auf die Reihe. Bei mir ist das alles anders, schräger, zu viel.“

Von außen betrachtet ist das kein Zeichen von „kaputt“ oder „besonders kaputt“, sondern ein Zeichen dafür, dass du schon sehr lange kämpfst.

Und manchmal hängt an diesem „Mein Fall ist besonders“ noch etwas anderes mit dran: eine leise Form von Bedeutung. Wenn dein innerer Schmerz so groß, so komplex, so einzigartig ist, dann fühlt es sich vielleicht wenigstens irgendwie besonders an. Das kann ein stiller Versuch deines Systems sein, deinem Erleben Wert zu geben, wenn du dich sonst oft als „weniger als die anderen“ empfindest.

Hier geht es nicht um eine Schuldzuweisung, sondern darum dir aufzuzeigen, dass auch das eine Schutzstrategie ist: Ein Teil in dir versucht, deine Würde zu halten, indem er sagt: Das hier ist nicht einfach nur ein Problem. Das ist etwas Großes, Wichtiges.“

Wenn du dich darin wiedererkennst, ist nichts falsch an dir. Du musst diesen Teil nicht bekämpfen. Aber es kann dir helfen, ihn liebevoll zu durchschauen: Du bist wertvoll und zwar nicht, weil dein Schmerz so besonders ist, sondern einfach, weil du da bist.

Was dieses Muster schützt

Der Gedanke „Meins ist unlösbar“ ist selten einfach nur negativ. Er hat eine Funktion:

  • Er schützt dich vor Enttäuschung: Wenn du von vornherein glaubst, dass es nicht geht, tut es weniger weh, wenn wieder etwas nicht hilft.
  • Er gibt dir eine Art Kontrolle: Wenn du festlegst, dass dein Fall unlösbar ist, können andere nicht so leicht mit ihren schnellen Lösungen über dich drüber gehen.
  • Er schützt vor Scham: „Wenn es eigentlich lösbar wäre, warum habe ich dann so lange so gelitten?“ Diese Frage kann wirklich höllisch wehtun. Das Unlösbar-Narrativ deckt sie zu.

Woher dieses Muster oft kommt

Es zeigt sich besonders häufig bei Menschen, die

  • lange depressiv waren oder sind,
  • komplexe Trauma-Geschichten haben,
  • mehrfach schlechte oder übergriffige Erfahrungen mit „Hilfe“ gemacht haben (Therapie, Coaching, Familie, spirituelle Angebote).

Wenn du immer wieder erlebt hast: „Ich werde nicht verstanden“, „niemand bleibt wirklich“, „es wird an mir herumtherapiert, aber innen fühlt es sich nicht besser an“, dann ist es sehr nachvollziehbar, dass ein Teil in dir sagt:

„Lass mich in Ruhe mit Hoffnung. Das tut zu weh.“

Freundliche Auswege aus dem „Ich bin unlösbar“-Gefühl

Es geht nicht darum, diese Stimme zu bekämpfen. Es geht eher darum, mit ihr in Beziehung zu gehen.

Mögliche Schritte können sein:

  • Anerkennen, dass sie da ist: Vielleicht kannst du dir statt: „Ich darf so nicht denken“, eher sagen: „Ja, ein Teil in mir glaubt, dass ich unlösbar bin. Und dieser Teil hat Gründe.“
  • Gefühl ist nicht die Wirklichkeit: Nur weil es sich hoffnungslos anfühlt, heißt das nicht, dass in dir nichts in Bewegung ist. Viele Entwicklungen sind langsam, leise, unspektakulär.
  • Kleine Gegenbeweise zulassen: Nicht: „Mein ganzes Leben ist heil geworden“, sondern:
    • „Ich reagiere heute anders als vor drei Jahren.“
    • „Ich habe heute jemanden um Hilfe gebeten, das war früher undenkbar.“
    • „Ich habe eine Grenze gewahrt, die ich früher übergangen hätte.“

Dieses Muster ist kein persönlicher Defekt. Es ist ein verständliches Schutzprogramm eines sehr erschöpften, sehr tapferen Systems.

Muster 2: Dauer-Aufräumen und nie wirklich leben

Das zweite Muster klingt innerlich etwa so:

„Da ist noch was zu bearbeiten.“
„Ich muss da noch tiefer gehen.“
„Solange ich das noch nicht geklärt habe, kann ich X noch nicht machen.“

Vielleicht hast du jahrelang intensive innere Arbeit gemacht: Therapie, Traumaheilung, spirituelle Prozesse. Du hast dir einen extrem genauen inneren Blick antrainiert:

  • Wo triggern mich Dinge noch?
  • Wo bin ich noch nicht frei?
  • Wo wiederholt sich ein Muster?
  • Wo bin ich „noch nicht durch“?

Dieser Blick hat dich wahrscheinlich durch sehr schwere Zeiten gebracht.

Aber er hat eine Nebenwirkung: Er kann dich in einen Dauer-Reparaturmodus sperren.

Wenn der Blick der Verbesserung zum Käfig wird

Irgendwann ist aus dem „Ich will heilen“ vielleicht ein inneres:

„Ich muss aufräumen, aufräumen, aufräumen, ich darf noch nicht leben.“

geworden.

Was dann oft passiert:

  • Du siehst vor allem das, was noch nicht gut ist.
  • Reife Anteile und gewachsene Stabilität rutschen unter dem Radar durch, weil der Fokus auf „Baustellen“ trainiert ist.
  • Wünsche, Sehnsucht und Lust wirken „unangebracht“, solange es irgendwo noch alte Schmerzen gibt.

Es gibt einen stillen inneren Punkt, an dem dein System eigentlich sagen würde:

„Wir könnten jetzt mehr ins Leben und Gestalten gehen.“

Aber weil der Aufräum-Blick so gut trainiert ist, bleibst du im Alten hängen.

Was das mit Beziehungen macht

Dieser Blick auf „das, was noch nicht stimmt“ hört oft nicht an der eigenen Haut auf.

Wenn du innerlich ständig nach Fehlern, Triggern und Unstimmigkeiten scannst, liegt es nahe, auch in Beziehungen vor allem das zu sehen, was nicht gut läuft. Das, was du dir selbst nicht zugestehst, nämlich zu erkennen, was du schon geleistet hast, wo du dich schon nährst und hältst, kannst du dann oft auch beim Gegenüber schwer anerkennen und in Worte fassen.

Die Folge:

  • Es gibt viel Kritik und Analyse,
  • aber wenig ausgesprochene Wertschätzung.

Auf Dauer hält kaum eine Beziehung das aus. Nicht, weil du „zu schwierig“ bist, sondern weil die Balance fehlt: Dein Gegenüber wird zu einer weiteren „Baustelle“, statt zu einem Menschen, mit dem du gemeinsam Leben teilst – mit Licht und Schatten.

Warum dieser Moduswechsel so schwer ist

Das liegt nicht an mangelnder Reflexion. Im Gegenteil.

Typische Gründe:

  • Sicherheit: Scannen nach Problemen gibt das Gefühl von Kontrolle: „Wenn ich immer aufpasse, kann mich nichts überraschen.“
  • Identität: Vielleicht warst du jahrelang „die, die tief arbeitet“, „die, die sich ehrlich stellt“. Wer bist du, wenn du nicht mehr hauptsächlich Baustellen bearbeitest?
  • Angst vor Rückfall: „Wenn ich jetzt loslasse und anfange zu leben, falle ich wieder ganz zurück.“ Also bleibe ich lieber im Reparaturmodus, dann habe ich das Gefühl, etwas zu tun.
  • Ungeübte Muskeln für Freude & Wunsch: Du hast es einfach so sehr trainiert, nur in die eine Richtung zu schauen und weißt gar nicht, wie es gehen kann, deine Blickrichtung umzudrehen.

Vom Reparieren zum Gestalten

Der Übergang ist kein Schalter, den man umlegt, sondern ein behutsamer Moduswechsel im ganzen System.

Mögliche Schritte, die du versuchen kannst, können sein:

  • Ehrliche Frage: „Wenn ich nicht mehr hauptsächlich heilen und reparieren müsste, wofür würde ich meine Lebenskraft dann einsetzen?“
  • Klein anfangen mit gestaltenden Entscheidungen:
    • etwas in deiner Wohnung, das einfach nur schön sein darf
    • ein Kontakt, der dir guttut, ohne gegenseitige Analyse
    • eine Stunde pro Woche, die nicht für „Arbeit an mir“, sondern für Leben reserviert ist
  • Erlauben, dass beides gleichzeitig existiert:
    • Ja, da gibt es noch Schmerz, Baustellen, Trigger.
    • Und ja, du darfst trotzdem jetzt schon gestalten, genießen, lieben.

Weitere Fallen auf dem inneren Weg

Neben den zwei großen Mustern gibt es ein paar weitere typische Stolperstellen.

Heilungs-Perfektionismus

„Ich darf mich erst zeigen, lieben, Beziehungen eingehen, Projekte starten, wenn ich wirklich durch bin mit meinen Themen.“

Rückfälle oder Trigger werden als Versagen gedeutet. Es gibt die heimliche Fantasie eines Zustands, in dem du „fertig geheilt“ bist und nie wieder leidest. Dadurch verschiebt sich das Leben immer weiter nach hinten.

Doch es gibt keinen Zustand (hier auf der Erde), in dem nie wieder etwas wehtut, wenn du ein „normales“ Leben führst. Vielleicht funktioniert so etwas, wenn du als Asket irgendwo im Himalaya sitzt und menschenlos vor dich hinmeditierst. Wenn du dich aber für ein Leben mit Menschen, mit Beziehungen, mit Arbeit und so weiter entscheidest, geht es eher um die Fähigkeit, mit dem, was kommt, menschlich, klar und liebevoll umzugehen.

Spirituelles Bypassing – auf hohem Niveau

„Eigentlich dürfte mich das gar nicht mehr triggern, ich weiß doch inzwischen, wie das funktioniert.“ „Wenn ich das richtig verstanden hätte, wäre ich längst durch damit. Irgendwas stimmt mit mir nicht.“

Hier wird Spiritualität oder „höheres Wissen“ benutzt, um

  • Gefühle zu bewerten bzw. abzuwerten („das ist nicht hoch schwingend“),
  • Schmerz abzuwerten („da bist du noch nicht weit genug“),
  • sich selbst kleiner oder härter zu machen.

Für mich gilt: Spiritualität macht dich klar, menschlich und frei, und vor allem bringt sie dich ins Leben hinein und nicht von ihm weg. Sie lädt dich ein, dich auszuprobieren und zu erkennen, was du alles kannst und bist. Sie macht dich größer, nie kleiner.

Identität über das Problem oder Trauma

„Ich bin die mit der Depression, dem Trauma, der schweren Kindheit, der Hochsensibilität…“

Deine Geschichte ist wichtig. Sie gehört zu dir. Aber sie ist nicht alles, was du bist. Wenn Identität und Wunde zu eng zusammenkleben, kann es sich gefährlich anfühlen, zu heilen: „Wer bin ich, wenn ich nicht mehr leide wie früher? Erkennen mich die anderen dann wieder? Erkenne ich mich selbst noch?“

Wandlung heißt nicht, deine Geschichte zu verleugnen. Wandlung heißt, dass deine Geschichte einen anderen Platz bekommt.

Methoden- und Heilerinnen-Hopping

„Der nächste Kurs bringt den Durchbruch.“
„Diese Heilerin ist jetzt wirklich die Richtige.“
„Wenn ich nur endlich die richtige Methode finde, dann …“

Dich begeistern immer neue Methoden, Ausbildungen, Workshops, Sitzungen. Gleichzeitig lässt du wenig Zeit für die Integration im Alltag. Von außen sieht das nach „viel tun“ aus. Innen kann es sich trotzdem nach Stillstand anfühlen.

Oft steckt dahinter:

  • Angst, an einem Ort zu bleiben, wo es unspektakulär, aber langsam besser wird
  • Sehnsucht nach dem einen Schlüssel
  • Misstrauen gegenüber der eigenen inneren Führung: „Die anderen wissen besser, was ich brauche.“

Eine echte Veränderung braucht manchmal genau das Gegenteil: weniger neue Tools, dafür mehr Vertiefung und vor allem mehr Verkörperung.

Ich selbst habe zwar nicht dieses Hopping praktiziert, mein Muster war eher das folgende „Ich mach das alles allein“, dennoch kenne ich die Sehnsucht nach „dem einen Schlüssel“ gut. Ich habe lange gehofft, dass nun endlich mal „der Knoten platzt“ und immer wieder mit den Augen gerollt, wenn sich doch wieder nur eine Kleinigkeit geändert hat. Doch irgendwann änderte sich etwas in mir. Der große Knall blieb aus. Aber meine Kontinuität und meine Weigerung, die Hoffnung aufzugeben, haben dazu geführt, dass sich viele kleine Schritte am Ende doch wie ein großer Schritt anfühlten.

„Ich mach das allein“-Muster

„Ich will niemandem zur Last fallen.“
„Ich bin es gewohnt, mich allein zu regulieren.“
„Ich übernehme die Verantwortung für mich, also muss ich das allein machen.“
„Ich kann mir sowieso nicht sicher sein, dass jemand bleibt.“

Hilfe anzunehmen kann sich gefährlich oder beschämend anfühlen, besonders wenn

  • frühere Erfahrungen mit Nähe unsicher oder übergriffig waren,
  • du einfach gewöhnt bist, „die Starke“ zu sein,
  • du gelernt hast: „Wenn ich Hilfe brauche, bin ich schwach.“

Dieses Muster zu erkennen, ist kein Aufruf zur Abhängigkeit. Es ist eine Einladung zu prüfen, ob es irgendwo auf der Welt einen Menschen gibt, bei dem du ein kleines bisschen mehr loslassen darfst; eine Beziehung, in der du nicht nur funktionierst, sondern auch gehalten wirst.

Subtile Loyalitäten

„Wenn ich glücklich, frei, erfolgreich bin, verrate ich dann meine Familie, meine Herkunft, meine ‚Leidens-Gemeinschaft‘?“

Unsichtbare Treuebande können uns innerlich festhalten:

  • an die Familie („Bei uns darf’s nicht zu leicht sein.“),
  • an das Umfeld („Wer rauswächst, gehört nicht mehr richtig dazu.“),
  • an spirituelle Kreise („Leiden verbindet, wer zu frei wird, passt nicht mehr rein.“).

Heilung kann sich dann anfühlen wie Verrat.

Ich selbst habe mal eine Übung zum Thema Geld gemacht, bei der mir tatsächlich plötzlich ein Satz bewusst wurde, der in mir gewirkt hat: „Wenn ich mehr Geld habe, verrate ich die Arbeiterklasse.“ Ich fand das wirklich erstaunlich, weil die DDR da schon lange Geschichte war und ich inzwischen sehr viel in mir gedreht hatte. Dennoch … die eine oder andere Loyalität mag noch immer wirken.

Eine Möglichkeit, damit umzugehen, wäre zum Beispiel, die Wurzeln zu ehren, zu schauen, welche Teile du von dem Alten behalten und neu integrieren möchtest und dennoch deinen ganz eigenen Weg zu gehen.

Wie du den Modus wechseln kannst – von „heilen“ zu „leben“

Wenn du dich in einem oder mehreren dieser Muster erkennst, heißt das nicht, dass du „falsch“ unterwegs warst.

Im Gegenteil: Du bist wahrscheinlich sehr weit gegangen. So weit, dass dein System jetzt flüstert:

„Es darf und kann jetzt anders weitergehen.“

Wenn du dich entscheidest, diesem Ruf zu folgen, erinnere dich zunächst an die maximale Freundlichkeit mit dir selbst. Du darfst mit dem freundlichsten Blick auf dich selbst schauen, der dir möglich ist. Immer. Das ist ein Fundament dafür, dass Veränderung überhaupt möglich wird.

Erkennen ohne Verurteilen

Wenn du dir jetzt wieder sagst:

„Oh nein, ich stecke in einer Heilungsfalle!“

könntest du es stattdessen mal mit den folgenden Sätzen versuchen:

„Spannend. Ein Teil in mir hängt im Aufräum-, Kontroll- oder Hoffnungslos-Modus. Und ich sehe das jetzt. Das ist schon eine Bewegung.“

Alle diese Muster sind Versuche, dich zu schützen. Sie dürfen mit an den Tisch, doch sie müssen nicht mehr am Steuer sitzen.

Liebe den Widerstand

Wenn du merkst: „Ich kann diesen Anteil gerade nicht lieben, ich lehne ihn ab,“ dann musst du nicht so tun, als wäre es anders. Du kannst einen Schritt zurückgehen und fragen:

„Kann ich den Widerstand lieben, der ‚nein‘ sagt?“

Manchmal ist das der Anfang einer Liebeskette, die ganz langsam tiefer in dein System wandert bis dorthin, wo es ursprünglich wehgetan hat.

Dein „Wofür“ wiederfinden

Du kannst dich fragen:

  • Wofür wollte ich überhaupt innere Arbeit machen?
  • Was wollte ich mehr in meinem Leben haben, statt nur weniger Schmerz?
  • Wie soll sich mein Alltag anfühlen, wenn nicht mehr mein Problem, sondern mein Leben im Zentrum steht?

Die Antwort muss nicht groß sein. „Mehr Weichheit“, „mehr echte Begegnung“, „mehr Freiheit in Entscheidungen“ reicht völlig.

Kleine Experimente in Richtung Leben

Du musst nicht von heute auf morgen alles umstellen. Dein Nervensystem liebt kleine, wiederholte Erfahrungen, zum Beispiel:

  • Zeitfenster, die ausdrücklich nicht für „Arbeit an mir“ da sind, sondern für Genuss, Spiel, Natur, Kontakt.
  • Eine Entscheidung, die aus deinem Wunsch kommt, nicht aus Pflicht oder Problemlöserei.
  • Ein Moment am Tag, in dem du bewusst wahrnimmst: „Hier ist schon etwas gut. Nicht perfekt. Aber gut genug.“

Den Satz umdrehen

„Wenn ich geheilt bin, dann darf ich leben.“ kann zu einer neuen innere Erlaubnis werden:

„Während ich lebe, dürfen sich alte Entscheidungen lösen und neue entstehen.“

Heilung öffnet das Leben und Leben vertieft Heilung. Du wirst nichts übersehen können, wenn du dich auf den Weg in Richtung des Lebens machst, das du dir wünschst. Deine Widerstände und Hürden zeigen sich ohnehin auf deinem Weg. Dann hast du immer noch Zeit und Raum, dich mit ihnen zu beschäftigen. Doch vergiss nicht, dich danach auch wieder deinem Wunschleben zuzuwenden und die nötigen Schritte zu gehen.

Du bist kein Projekt

Es kann leicht passieren, dass wir uns selbst wie ein nie endendes Projekt behandeln:

  • zu optimieren
  • zu reparieren
  • zu verbessern
  • zu verstehen

Aber du bist kein Projekt. Du bist ein Mensch.

Du bist ein Mensch mit einer Geschichte, die weh getan hat, mit Mustern, die dich geschützt haben, mit einem Wesen, das heil ist, auch wenn es sich nicht immer so anfühlt.

Wenn du dich im „hoffnungslos-komplexen Fall“ erkennst, im Dauer-Aufräum-Modus, im Methoden- oder Heilerinnen-Hopping oder in einer der anderen Fallen, dann heißt das nicht, dass du auf dem Holzweg bist. Es könnte einfach bedeuten, dass du an einem Punkt angekommen bist, an dem ein neuer Schritt dran ist.

Du musst nicht noch tiefer buddeln, nicht noch härter an dir arbeiten. Sondern du darfst langsam, vorsichtig und maximal freundlich mit dir selbst:

  • mehr leben,
  • mehr wählen,
  • mehr empfangen.

FAQ

Was meinst du mit „Heilung“ in diesem Beitrag genau?

Ich meine damit nicht das medizinische Heilen im engeren Sinn, sondern die Art, wie in vielen spirituellen und therapeutischen Kontexten von „Heilung“ gesprochen wird: als Versprechen, irgendwann „fertig“ zu sein, komplett „heil“ und endgültig durch mit den eigenen Themen. Genau dieses Versprechen halte ich für problematisch, weil es Druck macht, Perfektionsbilder füttert und oft impliziert: „Du bist jetzt kaputt und musst repariert werden.“

Heißt „Du bist heil“ nicht, dass ich mir mein Leid nur schönrede?

Nein. „Du bist heil“ heißt für mich nicht: „Stell dich nicht so an“ oder „Dein Schmerz ist Einbildung“. Dein Erleben, deine Symptome, deine Erschöpfung sind real und wichtig. Wenn ich von „heil“ spreche, meine ich: Dein Wesen ist nicht defekt. Was sich schmerzhaft anfühlt, sind meist gelernte Muster und Schutzentscheidungen und an denen kann man arbeiten. „Heil“ ist für mich der Boden, von dem aus du deinem Leid würdevoll begegnen kannst, statt dich als kaputtes Reparaturprojekt zu betrachten.

Woher weiß ich, ob ich im Muster „Mein Fall ist besonders schwer“ stecke?

Typische Anzeichen sind Gedanken wie: „Bei mir ist das komplizierter als bei anderen“, „Für andere mag das funktionieren, aber bei mir geht das nicht“ oder „Wenn du wüsstest, wie es in mir aussieht …“. Oft mischen sich tiefe Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit und eine hohe Sensibilität. Von außen wirkt das nicht wie „besonders kaputt“, sondern wie ein sehr erschöpftes System, das sich lange bemüht hat. Manchmal hängt daran auch eine leise Form von Bedeutsamkeit: Der eigene Schmerz fühlt sich zumindest „besonders“ an, wenn der Selbstwert sonst eher klein ist.

Wie merke ich, dass ich im Dauer-Aufräum-Modus festhänge?

Wenn du innerlich ständig scannst, was in dir und in Beziehungen noch nicht stimmt und das Gefühl hast, erst „fertig heilen“ zu müssen, bevor du wirklich leben darfst, ist das ein starkes Zeichen. Typisch ist, dass du deine Wachstumsschritte kaum wahrnimmst, dich vor allem über „Baustellen“ definierst und Lust, Wünsche und Gestaltung immer wieder nach hinten schiebst. In Beziehungen zeigt sich das oft als viel Analyse und Kritik, aber wenig ausdrücklich ausgesprochene Wertschätzung.

Ist es nicht gefährlich, weniger zu therapieren und „mehr zu leben“, wenn ich Trauma habe?

Gefährlich wäre es, schwere Traumafolgen zu ignorieren oder ohne Halt in sie hineinzuspringen. Darum geht es hier nicht. Der Text lädt dich ein, parallel zum inneren Arbeiten auch Leben zuzulassen und zwar in kleinen, nervensystemfreundlichen Schritten. Für viele Menschen mit Trauma ist eine gute therapeutische Begleitung weiterhin wichtig. Gleichzeitig kann es heilsam sein, nicht nur Problem- und Symptomfokus zu trainieren, sondern auch die Muskeln für Freude, Kontakt und Gestaltung zu stärken.

Was meinst du mit „Liebe den Widerstand“ ganz praktisch?

Gemeint ist: Du musst einen Anteil nicht sofort lieben oder verändern, den du gerade zutiefst ablehnst. Du kannst zuerst den Teil in dir anschauen, der „Nein, so darf ich nicht sein“ sagt und genau diesem Widerstand freundlich begegnen. Praktisch kann das heißen: innerlich zu bemerken „Ah, da ist ein Teil, der sich sträubt“ und ihn nicht wegzudrücken, sondern zu fragen: Wovor willst du mich schützen? Oft öffnet sich von dort aus eine Liebeskette hin zu Angst, alten Schmerzen und den ursprünglichen Gründen deines Musters.

Kann ich das alles allein machen oder brauche ich professionelle Begleitung?

Beides kann stimmig sein. Vieles aus dem Beitrag kannst du alleine ausprobieren: maximal freundlich mit dir sein, kleine Experimente Richtung Leben, den Aufräum-Blick überprüfen. Wenn du aber merkst, dass du in schweren Depressionen, starken Traumafolgen, Suizidgedanken oder massiver Überforderung steckst, ist therapeutische oder andere professionelle Unterstützung wichtig. Allein-Sein muss keine Heldentat sein und Unterstützung anzunehmen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern oft ein Schritt in Richtung Leben.

Es grüßt dich herzlich

Tanja Richter


Tanja Richter - ein Portrait

Über die Autorin:

Tanja Richter begleitet Menschen dabei, in die Tiefe ihres Wesens einzutauchen, sich selbst liebevoll zu begegnen und in Verbindung mit der geistigen Welt zu wachsen. Ihre Arbeit ist geerdet, klar und schöpft aus jahrzehntelanger Erfahrung mit schamanischen Wegen, spiritueller Praxis und innerer Meisterschaft.

Erfahre mehr über Tanja Richter und ihre Arbeit …

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