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Dieser Beitrag ist die Fortsetzung von „Wenn alles wankt: Orientierung in einer spirituellen Krise“. Dort ging es um Sicherheit, Erdung und Orientierung, wenn innen alles kippt.
Hier öffne ich den Blick weiter: Warum erleben gerade so viele Menschen Erschöpfung, Sinnkrisen und innere Umbrüche? Was hat das mit unserer Kultur des Dauerfunktionierens zu tun, mit Arbeit, Vereinzelung, wirtschaftlichem Druck, mit dem, was Gemeinschaft tragen kann oder eben nicht?
Dieser Text ist für stabile Phasen. Wenn du gerade kaum Boden hast, lies bitte zuerst den Orientierungs-Beitrag oder komm später wieder.
Manche Krisen fühlen sich individuell an und sind es auch. Und gleichzeitig entstehen viele Umbrüche heute in einem Feld, das Nervensysteme dauerhaft überfordert: Zeitdruck, Vereinzelung, Unsicherheit, Dauerleistung. Wenn viele wanken, ist das nicht nur Privatsache. Es ist auch ein Spiegel unserer Kultur.
Raum halten im Wandel
Individuelle innere Umbrüche sind fordernd. Sie machen verletzlich, unsicher, manchmal auch zeitweise arbeitsunfähig im herkömmlichen Sinn. Und genau deshalb ist Raum halten nicht nur etwas für Therapeut*innen, spirituelle Begleiter*innen oder enge Freundschaften. Raum halten ist etwas, das eine Gemeinschaft kann.
Denn „Raum halten“ heißt nicht nur zuhören und begleiten. Es heißt auch: den Alltag mittragen. Das tägliche Brot backen. Ein Kind übernehmen. Eine Rechnung mitsortieren. Einen Tee hinstellen. Mit dem Hund rausgehen. Mitdenken, wo gerade keine Kraft ist. Da sein, ohne Druck. Praktische Liebe.
Und wir brauchen ein System, das diese Übergänge mitträgt. Damit meine ich eine existenzsichernde Absicherung, Schutzräume und Rahmenbedingungen, die Stabilisierung erlauben statt Leistung zu erzwingen.
Würde kann ganz unspektakulär beginnen: mit Formularen, die man versteht.
Mit Behördenbriefen, die erklären, statt Angst zu machen. Auch das ist „da sein, ohne Druck“.
Heute hält vielleicht jemand den Raum für dich, damit du durch diese Schwelle gehen kannst. Morgen hältst du vielleicht den Raum mit dem, was du dann geben kannst, für jemand anderen: Begleitung, Brot, Struktur, Humor, Präsenz.
Das ist nicht ineffizient. Das ist zutiefst menschlich. Und vielleicht ist genau das der Anfang einer neuen Kultur: wir gehen weniger allein. Wir gehen verbundener. Wir funktionieren weniger um jeden Preis und tragen uns gegenseitig.
Der Wandel ist real – auch kollektiv
Viele Menschen erleben heute ähnliche innere Umbrüche, manche bewusst und andere haben keine Worte dafür. Und oft beginnt es ganz schlicht damit, dass jemand versucht, sein Erleben irgendwo einzuordnen. In Suchmaschinen landen dann Sätze wie:
- „Warum fühle ich mich leer?“
- „Alles bricht zusammen“
- „Tiefe Krise Sinn“
Nicht alle machen dasselbe durch. Doch viele spüren: So wie es war, trägt es nicht mehr.
Dieser Wandel ist als Erfahrung real. Er ist spürbar in Gesprächen, in Beziehungen, in Teams, in Familien. Und er ist in der Erschöpfung vieler Menschen spürbar, in der Sehnsucht nach etwas, das echter ist als Dauerfunktionieren.
Einzelne Spuren lassen sich in Zahlen sehen: Die DAK berichtet im Psychreport 2024, dass die AU-Tage wegen psychischer Erkrankungen im Zehnjahresvergleich (2013–2023) um 52 % gestiegen sind: von 213 auf 323 Fehltage je 100 Versicherte. (DAK-Daten: stark für Zeitverläufe innerhalb dieser Versichertengruppe, nicht automatisch 1:1 „Deutschland insgesamt“.)
Aber das Gesamtbild, die innere Sinnbewegung, die Neuordnung von Werten, die Frage „Wie will ich leben?“, lässt sich nicht in eine einzige Kurve gießen.
So ist dieser Wandel als Ganzes nicht zuverlässig messbar und trotzdem zeigen sich Muster, die viele wiedererkennen:
- Werte verschieben sich: Sinn wird wichtiger als Status.
- Die ökologischen Grenzen werden sichtbarer: Klimakrise, Artensterben, Ressourcenfragen.
- Viele Nervensysteme laufen am Limit: Erschöpfung, innere Leere, Überforderung.
- Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Tiefe: Achtsamkeit, Traumaheilung, echte Verbindung, innere Wahrheit.
Vielleicht durchwandern wir als Menschen eine Art dunkle Nacht der Seele.
Und du bist nicht „falsch“, wenn du das spürst.
Wenn sich innen alles neu sortiert, taucht oft auch außen eine neue Art von Gewissen auf: Wie lebe ich und was trägt mich dabei?
Damit Gemeinschaft Raum halten kann, braucht sie Ressourcen, und genau da berühren Krisen plötzlich Privileg, Geld und Politik.
Ein Privileg als Möglichkeit
Dass du dich mit all dem überhaupt beschäftigen kannst, ist nicht selbstverständlich. Ein Dach über dem Kopf. Essen im Haus. Zugang zu Bildung, Zeit, Internet. Ein Mindestmaß an Sicherheit. Das sind Freiräume, die viele Menschen nicht haben und sie sind nicht vom Himmel gefallen.
Unser heutiger Wohlstand hat mehr als eine Quelle. Er hängt auch an Geschichten, die schwer sind: an globaler Ungleichheit, an billig gemachten Ressourcen, an Ausbeutung, oft weit weg von unserem Blickfeld. Das wahrzunehmen ist keine Einladung zur Scham, sondern zur Wachheit.
Und zugleich hängt unser heutiger Wohlstand auch an etwas anderem: an der Arbeit unserer Vorfahren, die dieses Land nach dem Krieg aus Trümmern wieder aufgebaut haben. Dass viele von ihnen damals kaum Raum hatten, ihr Innenleben anzuschauen oder ökologische Folgen mitzudenken, wirkt für mich nachvollziehbar: Überleben, Stabilität und „wieder funktionieren“ standen im Vordergrund.
Auch die Generation danach trug noch Kriegsfolgen und flüchtete sich zum Teil ins Wirtschaftswunder. Und gleichzeitig begannen schon die ersten spürbaren Umbrüche: gesellschaftlich, kulturell, politisch – man denke an die 68er.
Mir geht es dabei nicht darum, irgendetwas „weg zu erklären“. Sondern um Verstehen und um Respekt. Ich erlebe immer mal wieder, wie schnell wir diese Geschichte ausblenden und mit dem Finger auf „die Alten“ zeigen: „Ihr habt die Welt kaputt gemacht.“ Doch ohne ihre Aufbauarbeit gäbe es vieles nicht, worauf wir heute stehen und auch nicht die Freiräume, in denen wir überhaupt so tief fragen können.
Eine erwachsene Haltung wäre aus meiner Sicht etwas wie: zu würdigen, was getragen wurde und gleichzeitig die Verantwortung zu übernehmen, es heute anders zu machen.
Aus spiritueller Sicht kommt noch etwas hinzu: Es ist denkbar, dass der Finger, der auf „damals“ zeigt, auch nach innen weist. Vielleicht waren wir – in anderen Zeiten, in anderen Rollen – selbst Schöpfer*in genau jener Muster, die wir heute kritisieren.
Wirtschaft und Politik als gelebte Spiritualität
Spiritualität ist nicht das Gegenteil von Welt – sie ist ihre Tiefe. Und sie hört nicht auf, sobald es um Geld, Macht oder Systeme geht. Sie zeigt sich in Entscheidungen, die Menschen betreffen.
Wie würden wir leben, wenn Geld nicht getrennt von Bewusstsein wäre? Wenn Politik ein Dienst am Leben wäre – nicht an Macht? Wenn Wirtschaft nicht nur Effizienz wäre, sondern Beziehung?
Ich habe einmal in der Doku From Business to Being etwas gehört, das mich berührt hat: Ein leitender Mitarbeiter von dm beschreibt sinngemäß, wie er begann, den Weltmarkt nicht nur als System zu denken, sondern als etwas Lebendiges zu erleben – wie ein Feld, das auf Haltung reagiert. Nicht als Gegner. Nicht als Maschine.
Vielleicht beginnt Veränderung mit einem Menschen, der wieder fühlt. Der Entscheidungen nicht nur nach Zahlen trifft, sondern mit dem Herzen und sich erinnert, warum er eigentlich tut, was er tut.
Wirtschaft darf Seele haben. Spiritualität darf in Anzug und Sicherheitsschuhen erscheinen. Politik darf im Kleinen wie im Großen ein Ort der Wahrhaftigkeit werden.
Und du bist eingeladen mitzugestalten. Nicht trotz deiner Tiefe, sondern gerade wegen ihr.
Zum Schluss eine einfache Frage, die mehr bewegt als viele Antworten: Was wäre, wenn dein Wandel nicht gegen die Welt geht, sondern für das Leben? Dann ist deine Tiefe nicht etwas, das dich aus dem Alltag herauszieht, sondern etwas, das ihn menschlicher machen kann. Schritt für Schritt. Dort, wo du stehst.
FAQ
Warum schreibst du, dass dieser Text nicht für akute Krisen gedacht ist?
Weil dieser Text Zusammenhänge ordnet. In akuten Phasen ist Stabilisierung wichtiger. Lies dann bitte zuerst den Orientierungs-Beitrag.
Was meinst du mit „wenn viele wanken, ist das nicht nur Privatsache“?
Ich meine: Innere Umbrüche sind immer persönlich und gleichzeitig entstehen sie nicht im luftleeren Raum. Zeitdruck, Dauerleistung, wirtschaftliche Unsicherheit, Vereinzelung und Überlastung prägen Nervensysteme und Beziehungen. Wenn ähnliche Erschöpfungs- und Sinnmuster bei vielen gleichzeitig auftauchen, lohnt sich der Blick auf kulturelle und strukturelle Bedingungen.
Was bedeutet „Raum halten“ ganz konkret?
„Raum halten“ heißt nicht nur zuhören. Es heißt auch, den Alltag mitzutragen: einen Tee hinstellen, mit dem Hund rausgehen, ein Kind übernehmen, eine Rechnung mitsortieren, mitdenken, wo gerade keine Kraft ist. Präsenz ohne Druck. Praktische Liebe.
Ist es nicht übertrieben, dafür „das System“ verantwortlich zu machen?
Nein, und gleichzeitig wäre es auch zu kurz, nur das System zu sehen. Es geht um beides: individuelle Biografie und kollektive Bedingungen. Manche Krisen haben klare persönliche Auslöser, andere werden durch Dauerstress, Unsicherheit und fehlende Unterstützung massiv verstärkt. Eine reife Sicht kann beides gleichzeitig halten, ohne Schuldige zu suchen.
Was hat Würde mit Formularen und Behördenbriefen zu tun?
Mehr als wir denken. In Umbruchphasen sind Menschen oft verletzlich und schnell überfordert. Verständliche Formulare, erklärende Schreiben und ein Umgangston ohne Drohkulisse können Stabilisierung erleichtern oder verhindern. Würde beginnt manchmal ganz unspektakulär: mit Sprache, die unterstützt statt Angst zu machen.
Warum bringst du Zahlen (DAK Psychreport) in einen spirituellen Text?
Weil Zahlen nicht die ganze Wahrheit sind, aber Spuren zeigen können. Berichte zu psychischer Belastung und Fehlzeiten machen sichtbar, dass Überforderung nicht nur Einzelfälle betrifft. Gleichzeitig bleibt das „Gesamtbild“ – Sinnfragen, Werteverschiebungen, innere Neuordnung – nicht in eine einzige Kurve pressbar. Beides darf nebeneinander stehen: Daten und gelebte Erfahrung.
Warum sprichst du über Privileg – macht das meine Krise weniger „gültig“?
Nein. Schmerz ist real, auch wenn du grundsätzlich sicher lebst. Privileg schützt nicht vor inneren Krisen. Ich nutze den Begriff, um etwas anderes sichtbar zu machen: Ressourcen ermöglichen oft erst, dass Wandel begleitet und integriert werden kann: Zeit, Sicherheit, Netze. Das ist keine Einladung zur Scham, sondern zur Wachheit und Verantwortung.
Warum würdigst du ältere Generationen trotz Klimakrise und Fehlentwicklungen?
Weil ich beides sehen möchte: die Folgen bestimmter Entscheidungen und zugleich die Aufbauleistung und die Lasten, die viele getragen haben. Eine erwachsene Haltung kann würdigen, was getragen wurde, und gleichzeitig Verantwortung übernehmen, es ohne Abwertung und ohne Verklärung heute anders zu machen.
Was meinst du mit „Wirtschaft und Politik als gelebte Spiritualität“?
Dass Spiritualität nicht aufhört, sobald es um Geld, Macht und Systeme geht. Sie zeigt sich in Entscheidungen, die Menschen betreffen: in Arbeitsbedingungen, in Absicherung, im Umgangston, in Prioritäten. Wenn Bewusstsein echt ist, berührt es auch das im Kleinen wie im Großen, was wir „normal“ nennen.
Wie kann ich „mitgestalten“, ohne mich zu überfordern?
Mach es klein und realistisch. Mitgestalten kann heißen: in deinem Umfeld weniger Druck erzeugen, mehr Menschlichkeit zulassen, Übergänge mittragen, klare Grenzen setzen, Hilfe holen und Hilfe anbieten. Es muss nicht „groß“ sein. Ein Schritt, den du wirklich halten kannst, ist mehr als ein Ideal, das dich stresst.



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