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In einem Tal, in dem die Winter lang und die Nachrichten voll waren mit Dingen, die das Herz schwer machten, stand in einer Winternacht ein alter Mann am Rand eines Flusses. Sein Mantel war tiefgrün, als hätte jemand Moos und Tannennadeln zu Stoff gewoben. Sein Bart war weiß, aber seine Augen waren jung.
Über den Bergen ging gerade die Wintersonne unter. Oder auf. Im tiefsten Winter ist das schwer zu sagen, weil sie so flach über den Horizont streicht, als würde sie überlegen, ob sie noch Lust hat.
Der alte Mann hielt in seiner linken Hand einen großen Sack. Nicht den Sack, den Kinder in Reklamen sahen, also randvoll mit Plastik und Papier. Dieser hier war leichter. In seiner rechten Hand lag eine kleine Pflanze, die noch nicht wusste, ob sie ein Baum, eine Blume oder etwas ganz Neues werden wollte.
„Na“, sagte die Sonne hinter ihm, „bist du bereit?“
„Ich bin alt genug, um nie bereit zu sein, und jung genug, um es trotzdem zu tun“, antwortete er.
Die Sonne lachte. „Dann geh“, sagte sie. „Die Menschen haben es vergessen. Sie denken, du bringst Dinge. Zeig ihnen, was du wirklich bringst.“
Der Weihnachtsmann im grünen Mantel – der gar nicht wusste, seit wann man ihn so nannte, aber sich nicht dagegen wehrte – machte sich auf den Weg ins Dorf.
Es war keine stille Nacht. Aus manchen Häusern kam lautes Lachen, aus anderen Streit, aus wieder anderen nur dieses flache, müde Schweigen, das entsteht, wenn Menschen schon viel zu lange nicht mehr wirklich miteinander reden.
Er klopfte nirgends an die Tür. Er trat einfach in die Räume, in denen jemand gerade so sehr hoffte, dass es doch noch irgendeine Art von Wunder gab, dass der Wunsch wie ein kleines Licht durch die Ritzen quoll.
In einer Küche stand eine Frau am Fenster und dachte:
„Ich wüsste gern, wie sich Ruhe anfühlt.
Einfach nur einmal ein Abend ohne Funktionieren.“
Der Mann im grünen Mantel stellte sich neben sie, obwohl sie ihn nicht sehen konnte, und legte die Pflanze auf den Küchentisch. Sie war nicht wirklich da, aber ihr inneres Auge sah plötzlich ein samtenes, kleines Grün, das mitten zwischen ungewaschenem Geschirr erschien.
„Du musst sie nicht sofort einpflanzen“, flüsterte er. „Aber sie ist da. Der Samen für einen Abend im Jahr, der dir gehört.“
In einem anderen Haus saß ein junger Mann auf dem Bett und starrte an die Decke.
„Ich weiß nicht, wie ich ohne die Sucht leben soll“, dachte er.
„Ich weiß nicht, wie man überhaupt lebt ohne irgendwas.“
Der Weihnachtsmann setzte sich an das Fußende des Betts, schob den Sack ein Stück zurecht und legte wieder eine kleine Pflanze in den Raum. Diesmal wuchs sie im Kopf des Mannes als Bild: ein Weg, der nicht gerade war, aber nicht mehr immer im Kreis führte.
„Kein fertiges Leben“, murmelte der Alte. „Nur die Möglichkeit, einen Schritt zu machen, der nicht wieder derselbe ist wie gestern.“
Er ging weiter. In einer Suchtklinik sah er eine Frau im Garten, die mit einer Trommel unter dem Arm stand, unsicher und entschlossen zugleich. Um sie herum Menschen mit müden Augen, die nicht mehr wussten, wie man tanzt, ohne sich zu betäuben.
„Wir sind hier in einer Psychiatrie“, sagte sie zu ihnen, „hier gibt es nichts, wofür man sich schämen muss.“
Die Sonne hinter den Wolken grinste, als sie das hörte.
Der Weihnachtsmann im grünen Mantel stellte sich hinter sie und legte ihr die Hand auf die Schulter. In seine andere Hand sprang wieder eine Pflanze – diesmal mit einer kräftigen Wurzel.
„Für dich“, flüsterte er. „Damit du weißt, dass du nicht verrückt bist, nur weil du die Seele hörst.“
Als die Trommeln losgingen, als jemand zum ersten Mal seit Jahren einfach nur so tanzte, ohne dass Musik aus einer Box kam, da schüttelte der alte Mann den Sack ein bisschen. Aus ihm wehten keine Geschenke, sondern kleine Funken: Möglichkeiten, Erinnerungen daran, dass Leben auch leicht sein kann, wenn man sehr lange vergessen hat, wie das geht.
In manchen Häusern fiel einer dieser Funken auf eine Träne und ließ sie weicher werden. In anderen fiel er auf Wut und machte daraus einen klaren Satz: „Nein. So nicht mehr.“ An wieder anderen Orten fiel er auf eine stumme Sehnsucht und ließ sie sich trauen, ein Wort zu werden.
Als er am Ende der Nacht wieder am Fluss stand, war die Sonne gerade dabei, ihren ersten Strahl über den Rand der Welt zu schieben.
„Na?“, fragte sie. „Hast du ihnen Geschenke gebracht?“
Der Mann im grünen Mantel sah in seinen Sack. Er war immer noch nicht leer, aber das war er nie. Geschenke des Lebens gehen nicht aus.
„Ja“, sagte er. „Aber sie nennen es wahrscheinlich anders. Mut vielleicht. Oder Ruhe. Oder ‚komisches Gefühl, dass ich nicht mehr alles aushalten muss‘.“
Die Sonne lachte leise. „Das reicht“, sagte sie. „Mehr braucht es nicht. Den Rest machen sie selbst.“
„Manche von ihnen“, murmelte er.
„Ja“, nickte die Sonne. „Aber das ist der Deal. Ich gebe Licht. Du gibst Samen. Wachsen müssen sie selber.“
Er nickte und sah noch einmal hinab ins Tal. In einigen Fenstern brannte ein kleines, neues Licht, eins, das nicht nach Strom aussah.
„Vielleicht“, sagte er leise, „ist mein grün der Menschen Erinnerung daran, dass Weihnachten nicht der Endpunkt des Jahres ist, sondern eine Pflanze, die in der dunkelsten Zeit anfängt zu wachsen.“
Mutter Erde hörte das, weit darunter, und schob ein Stückchen Wärme durch die Wurzeln einer Eiche, eines Tannenbaums und eines kleinen Gänseblümchens, das unter dem Schnee schlief.
„Genau so“, dachte sie.
„Geschenke des Lebens sind grün. Und die beste Magie ist die,
nach der Menschen sich leichter fühlen und nicht kleiner.“
Und wenn irgendwo ein Mensch in einer Küche sitzt und das Bild eines alten Mannes im grünen Mantel anschaut, während draußen der Winter an den Fenstern kratzt, dann passiert es manchmal, dass in seinem Inneren etwas ganz leise sagt:
„Vielleicht darf es wirklich leichter sein.“
Und genau dann zieht der Weihnachtsmann im grünen Mantel eine neue Pflanze aus seinem Sack und sagt:
„Na also. Da haben wir doch schon das erste Wunder.“



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