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Es war einmal ein Mädchen, das gar nicht mehr so aussah wie ein Mädchen, weil es schon viele Jahre erwachsen gewesen war. Aber in ihrem Inneren saß noch immer eines, das sich in einer viel zu großen Welt umschaute und dachte:
„Ich müsste mich besser schützen können. Aber ich kann nicht.“
In einer dieser Nächte, in denen Gedanken schwer sind und das Herz zu laut ist, seufzte sie in die Dunkelheit:
„Großer Geist, ich brauche jemanden, der auf mich aufpasst. Ich kriege das gerade nicht allein hin.“
Mutter Erde hörte das. Sie lag wie immer da – weit, rund, satt – und ließ den Seufzer eine Weile durch ihre Wurzeln wandern. Er ging durch den Tang im Meer, durch die Pilzfäden im Boden, durch das Herz einer alten Eiche und durch die Pfote eines Hasen, der gerade über ein Feld hoppelte.
„Du“, sagte Mutter Erde zu dem Hasen, „ich hätte da einen Auftrag für dich.“
Der Hase blieb stehen, stellte die Ohren gerade und fragte vorsichtig:
„Ist es wieder so ein Osterjob? Eier tragen, Kinder bespaßen, bunte Körbe?“
„Nein“, sagte Mutter Erde. „Diesmal geht es um etwas anderes. Da ist jemand, der vergessen hat, wie stark er ist. Und der Angst hat, dass alles viel zu viel ist. Ich brauche jemanden, der schnell ist, wach und bereit, notfalls zuzuschlagen, aber nicht aus Hass, sondern aus Liebe.“
Der Hase dachte nach. Er wusste, dass er schnell war. Er wusste auch, dass er sich vor fast nichts wirklich fürchtete, nicht, weil er so mutig war, sondern weil er gar nicht erst darüber nachdachte. Hasen kennen keine langen Grübelrunden.
„Also gut“, sagte er. „Aber dann brauche ich anderes Werkzeug.“
Und so geschah es, dass am nächsten Morgen im Traum der Frau, die einmal ein Mädchen gewesen war, ein Hase erschien. Er war groß. Viel größer als die Hasen, die sonst im Gras sitzen. Und er trug eine beigefarbene Weste, eine Fliege und knallrote Boxhandschuhe.
Er stellte sich vor sie hin, sah sie mit einem ernsten, sehr wachen Blick an und sagte:
„Ich hau sie dir alle weg.“
Die Frau blinzelte.
„Wen denn?“, fragte sie.
„Alle, die deine Grenze nicht sehen wollen“, antwortete der Hase. „Alle, die denken, du wärst ihr Spielplatz. Alle, die dich verwechseln mit Mutter, Tochter, Retterin, Müllhalde. Ich hau sie dir nicht kaputt. Ich hau sie dir nur weg. Von dir weg. Verstehst du?“
Er schlug einmal in die Luft. Es knallte nicht, aber irgendetwas in ihrem Brustkorb machte ein kleines „Rums“, als wäre ein Schloss eingerastet.
„Aber … du bist der Osterhase“, sagte sie verwirrt. „Du sollst doch niedlich sein. Kinder bespaßen. Eier verstecken.“
Der Hase hob eine Augenbraue, soweit Hasen eben Augenbrauen heben können.
„Ich bin der Frühling auf vier Beinen“, sagte er.
„Ich bin Leben, das sich trotz allem wieder rauswagt.
Wer hat sich bloß ausgedacht, dass ich schwach sein müsste?“
Die Frau wusste keine Antwort darauf. Also nickte sie nur. Und der Hase setzte sich neben sie auf die Bettkante.
„Wir machen einen Deal“, sagte er. „Ich achte auf die, die zu nah kommen. Du achtest darauf, dass du nicht ständig deine Türen offen stehen lässt. Und wenn du vergessen hast, wie man Nein sagt, dann ziehe ich meine Handschuhe an.“
„Und was ist mit den Menschen, die ich trotzdem mag?“, fragte sie leise. „Auch wenn sie manchmal zu dicht dran sind?“
Der Hase seufzte. Er wusste, dass Menschen komplizierter waren als Füchse.
„Dann boxen wir nicht sie“, sagte er, „sondern die Geschichten, in denen ihr festhängt.
Ich hau dir die alten Muster weg. Den Satz ‚Ich muss das aushalten‘. Den Satz ‚Ich hab’s verdient‘.
Das ist meine Lieblingsdisziplin.“
Sie lächelte zum ersten Mal in dieser Nacht. Und irgendwo ganz tief in ihr lachte das Kind, das geglaubt hatte, niemand würde kommen, wenn es nach Hilfe ruft.
Am nächsten Morgen wachte sie auf, mit einem Gefühl von Muskelkater an einer Stelle, wo keine Muskeln waren. In ihrem Kopf war der Hase sehr klar. So klar, dass sie irgendwann ein Bild fand, das fast genauso aussah wie er: Boxhandschuhe, ernstes Gesicht, buntes Ei. Sie rahmte es und hing es in die Küche.
„Warum ausgerechnet in die Küche?“, fragte der Hase einmal.
„Weil das der Ort ist, an dem alle durchmarschieren“, antwortete sie. „Familie, Freunde, Mitbewohner, Handwerker. Wer hier durch will, kommt an dir nicht vorbei.“
Der Hase verzog zufrieden das Schnäuzchen.
Und so wurde er zum Hüter ihres Alltags. Nicht als strenger Türsteher, sondern als freundlicher, sehr konsequenter Bodyguard des Lebens. Manchmal brauchte er die Boxhandschuhe nur zu zeigen. Manchmal reichte ein Blick.
Und wenn an Ostern irgendwo in der Welt Kinder nach Eiern suchten, grinste er und dachte:
„Wenn ihr wüsstet, was ich sonst noch alles mache.“
Mutter Erde beobachtete das aus der Tiefe heraus und war zufrieden.
„Den Osterhasen mit Boxhandschuhen“, murmelte sie, „gibt es übrigens nur hier.“



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