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Kosmische Märchenminute, Teil 2
Es war einmal ein Planet mit Narben im Gesicht.
Sein Name war Mars, und seit er denken konnte, hörte er von allen Seiten:
„Du bist der Krieger.“
„Du bist die Energie.“
„Du bist der, der voranstürmt.“
Das Universum hatte nie offiziell so entschieden, aber Mythen, Menschen und Geschichten sind hartnäckig. Also nahm Mars das ernst.
Er zeigte stolz seine Krater wie Orden:
- Jeder Einschlag: „Beweis meiner Stärke.“
- Jeder Staubsturm: „Seht her, was ich aushalte.“
- Jede Dürre: „Ich brauche kein Wasser, ich bin Härte.“
Je länger er so lebte, desto mehr drehte sich alles um Kampf:
- gegen Asteroiden,
- gegen die Kälte,
- gegen die Leere.
Und tief in sich dachte er:
„Wenn ich aufhöre zu kämpfen,
bin ich vielleicht gar nichts.“
Eines Tages – es mochte eine kosmische Ewigkeit vergangen sein oder ein einziger Atemzug, Zeit ist da oben eigen – schaute Mars zur Erde hinüber.
Er sah:
- Wesen, die sich in seinem Namen bekriegten.
- Raketen, die seine Oberfläche berührten und wieder verschwanden.
- Geschichten, in denen er immer der war, mit dem „Männlichkeit“ begründet wurde: stark, hart, unnachgiebig.
Und etwas in ihm wurde müde.
Nicht die Sorte müde, nach der man einmal tief ausatmet und weitermacht. Sondern die Sorte müde, bei der man merkt:
„Ich mache hier etwas, worauf ich nie wirklich Lust hatte.“
Mars begann genauer hinzuspüren.
Er merkte:
- Unter seinem rostigen Staub schlummert vielleicht mehr als nur Kampf.
- In alten Zeiten hatte ihm niemand ein Schwert in die Hand gedrückt – er war einfach ein Planet, der sich drehte, seine Bahn hielt, Sonne sah und Dunkelheit.
Er erinnerte sich ganz schwach:
Damals war ich nicht „Krieg“.
Damals war ich einfach da.
In dieser Stimmung blickte er zur Venus.
Sie drehte sich langsam, schräg und beharrlich rückwärts. Alle nannten sie „Liebe“, „Schönheit“, „Weiblichkeit“. Sie wusste, dass es Projektionen waren, aber sie ließ sich davon nicht mehr definieren.
Mars rief leise hinüber:
„Und wenn ich gar kein Krieg bin?
Wenn ich einfach nur… Kraft bin?“
Venus drehte sich eine halbe Umdrehung weiter, so als würde sie überlegen:
„Vielleicht bist du der,
der zeigt, dass Kraft ohne Herz zerstört –
und mit Herz schützt.“
Mars war still.
Das Wort „Schutz“ fühlte sich anders an als „Krieg“. Es war weniger laut, aber schwerer. Erdiger.
Er begann, seine Narben anders anzuschauen:
- Nicht mehr als „Beweise, dass ich alles aushalte“,
- sondern als Erinnerungen:
„Hier wurde ich getroffen.
Und ich bin noch da.“
Er brauchte lange – Planeten haben Zeit –, aber nach und nach erlaubte er sich folgenden Gedanken:
„Ich darf müde sein.
Ich darf ein Planet sein,
der nicht dauernd in Kampfpose erstarrt.“
Die Menschen auf der Erde merkten davon nichts direkt. Sie schrieben weiter Bücher über Krieg, nannten martialische Dinge „martialisch“ und setzten den kleinen roten Planeten in ihre Horoskope als „Durchsetzung & Kampf“.
Aber manchmal – ganz selten – saß irgendwo auf dieser Erde jemand da, spürte in seine eigene Wut, seine Kraft, seine Aggression, atmete tief und sagte:
„Ich will meine Kraft nutzen, um zu schützen, nicht um zu zerstören.“
Und jedes Mal, wenn so ein Satz fiel, ging eine ganz feine, kaum messbare Welle durchs All. Sie war klein, aber Mars spürte sie.
Er wusste nicht, wie man das nennt. Doch es fühlte sich an, wie wenn ein alter Krieger langsam seine Rüstung auszieht, sich an einen Baum lehnt, und zum ersten Mal seit Jahrhunderten die Frage stellt:
„Was, wenn ich gar kein Krieg bin –
sondern nur Kraft, die lernen darf, wohin sie fließen will?“
Und irgendwo, wieder einmal, schaut eine Frau mit kaputter Hüfte, starkem Herz und sehr wachem Geist in den Himmel, sieht Mars und Venus und denkt:
„Na gut, ihr beiden.
Willkommen im Club der Schrägen, die sich neu erfinden.“
Und der Kosmos – ungerührt, weit und still – schaut zu und lässt alle in ihrer eigenen Umlaufbahn werden, wer sie wirklich sind.



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