Was ist Geld eigentlich?

Älterer Mann bezahlt in einem Barbershop seinen Barbier mit einem Geldschein und blickt ihn freundlich an – Geld als Teil einer wertschätzenden Beziehung.

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Vom Tauschmittel zum Beziehungsmittel

Wenn man in ein Wirtschaftsbuch schaut, klingt die Sache scheinbar ganz einfach: Geld ist ein Tauschmittel und wurde erfunden, weil Tauschhandel unbequem ist.

Die klassische Geschichte geht ungefähr so: Früher hat jemand mit Ziegen gelebt, jemand anders mit Säcken voller Getreide, und dann stand man vor dem Problem, wie viele Säcke Getreide wohl eine Ziege „wert“ sind. Weil dieses Hin-und-Her mit Dingen mühsam war, haben Menschen irgendwann Geld eingeführt.
So weit die Standard-Erzählung.

Nur: Ganz stimmig ist diese Geschichte nicht. Der Anthropologe David Graeber hat in seinem Buch „Schulden – Die ersten 5000 Jahre“ gezeigt, dass Geld historisch gesehen oft gar nicht zuerst als Münze oder Schein auftauchte, sondern als etwas anderes: als Schuldschein.

Geld als Schuldschein und Schuld als Beziehung

Graeber beschreibt, dass Menschen über lange Zeiträume weniger mit Münzen bezahlt haben, sondern eher innerlich Buch geführt haben: „Du schuldest mir noch XY“, „Ich gebe dir jetzt etwas, und wir merken uns, dass du bei mir offen hast.“

Diese „Schuld“ war nicht automatisch negativ. Sie bedeutete nicht: „Du bist schlecht, du hast versagt“, sondern: „Zwischen uns besteht eine Beziehung, in der wir uns gegenseitig etwas geben und bekommen.“

Schuld war damit ein Ausdruck von Verbundenheit. Solange da eine offene Schuld war, gab es einen Faden zwischen zwei Menschen, zwischen Familien, zwischen Gruppen.

Geld – und die ersten Schuldscheine – waren also nicht einfach nur neutrale Tauschmittel, sondern so etwas wie sichtbar gemachte Beziehung:

  • Ich habe dir geholfen, du hast mir etwas gegeben.
  • Wir vertrauen einander, dass wir das irgendwann ausgleichen.
  • Wir sind in Kontakt.

Warum die Wertlogik so schräg ist

In der modernen Wirtschaftssprache wird Geld gerne so behandelt, als würde es einen „objektiven Wert“ abbilden.

Ganz ehrlich: Ich habe diese Wertlogik nie wirklich verstanden. Wie soll ein einzelner Preis abbilden, was etwas wirklich bedeutet?

  • die Lebenszeit, die in einer Arbeit steckt
  • die Freude, die jemand dabei hatte oder nicht hatte
  • die Geschichte eines Produkts
  • die Beziehung, die dabei entsteht

In der Wertlogik wird Geld schnell zu etwas Hartem, Abstraktem:

  • zu Zahlen, die man „optimieren“ muss,
  • zu Kennzahlen, in denen Menschen und Beziehungen verschwinden.

Warum sich Wirtschaft für mich lange grau angefühlt hat

Wenn ich auf unsere heutige Geld- und Wirtschaftslogik schaue, dann merke ich: Sie wird oft so dargestellt, als wäre sie ein eigenes, abgeschlossenes System. Ein graues Feld aus Zahlen, Preisen und Kurven, das scheinbar unabhängig von allem anderen existiert und gleichzeitig fast alles auf der Erde mitbestimmt. Über Geld regeln wir inzwischen nicht nur Tausch, sondern auch Macht, Zugang zu Ressourcen und Eigentum.

Lange Zeit habe ich Wirtschaft genau so gefühlt: grau, abstrakt, irgendwie losgelöst vom Leben. Während unter der Oberfläche Dinge wirksam sind, die in dieser Logik kaum vorkommen: unbezahlte Care-Arbeit, ökologische Folgen, Machtgefälle, Angst, Traumata, Überlebensdruck. In dieser engen Brille wirkt die Wertlogik „logisch“.

Sobald ich aber das ganze Leben dazu nehme, wird sie für mich zu einer Scheinlogik. Sie blendet genau das aus, was tatsächlich wirkt in Körpern, Beziehungen und in der Erde.

Vielleicht fühlt sie sich für viele deshalb so ähnlich an wie eine Religion: mit unsichtbaren Regeln, unausgesprochenen Geboten und einem stillen Versprechen von Erlösung … irgendwann, wenn wir nur genug leisten, wachsen, funktionieren.

Wenn wir aber Graebers Brille aufsetzen, können wir Geld wieder als das sehen, was darunter liegt: als Ausdruck von Beziehung. Damit stellt sich mir direkt die Frage: Kann so etwas überhaupt neutral sein?

Geld ist nicht neutral

In der spirituellen Szene wird Geld oft als „neutrale Energie“ bezeichnet. Wenn wir Geld nicht als isolierte Zahl sehen, sondern als etwas, das aus Begegnung, Geschichte, Macht, Care, Vertrauen und mehr entsteht, dann ist für mich:

Geld = Beziehung, die eine Form bekommt.
Also: verdichtete Beziehung.

In einem Geldbetrag steckt dann zum Beispiel:

  • die Beziehung zur eigenen Arbeit
  • die Beziehung zwischen Auftraggeberin und Auftragnehmerin
  • die Beziehung zu den Menschen in der Lieferkette
  • die Beziehung zu Erde, Ressourcen, zukünftigen Generationen

All das ist im Moment der Zahlung konzentriert in diesem einen Vorgang, dieser Zahl, diesem Fluss. Deswegen fühlt sich Geld so intensiv an: es trägt viel mehr als „50 €“.

Wenn Geld für mich aber verdichtete Beziehung ist, kann es eigentlich gar nicht neutral sein, denn Beziehung ist nie neutral.

Eine Beziehung – zwischen wem auch immer – kann warm oder kalt sein, nah oder distanziert, klar oder verworren, aber sie ist immer ein Feld, in dem etwas wirkt. Zwischen Menschen, in ihren Körpern, in ihren Geschichten.

Genauso ist es mit Geld. Jeder Euro, der den Besitzer wechselt, trägt Spuren von Beziehung:

  • von Care-Arbeit,
  • von Macht,
  • von Angst,
  • von Freude,
  • von Wertschätzung.

Wenn ich Geld „neutrale Energie“ nenne, laufe ich Gefahr, genau das zu übersehen. Ich blende die Beziehungsebene aus und damit auch die Verantwortung und die Gestaltungsmöglichkeiten, die ich darin habe.

Stimmiger fühlt sich für mich an: Geld ist verdichtete Beziehung in Bewegung. Und die Frage ist nicht, ob es neutral ist, sondern welche Qualität von Beziehung durch mich hindurch damit in die Welt fließt.

Geld als Beziehungsmittel

Als Beziehungsmittel zeigt Geld:

  • wo wir miteinander in Beziehung treten.
  • wie wir einander sehen (oder übersehen).
  • was wir als Gesellschaft hoch achten und was wir kaum anerkennen.

Wenn ich dir Geld gebe oder du mir, passiert ja mehr, als dass eine Zahl den Besitzer wechselt:

  • Ich sage: „Ich sehe dich und das, was du getan hast.“
  • Ich sage vielleicht auch: „Ich möchte, dass du weitermachen kannst.“
  • Ich gebe Raum in meinem Leben für das, was du in die Welt bringst.

Geld ist dann nicht einfach nur „Mittel zum Zweck“, sondern Liebe, Achtsamkeit, Wertschätzung in Bewegung.

Wir können es umdefinieren – innerlich und im Miteinander – als:

Geld ist die Form, in der wir unsere Wertschätzung
füreinander in die materielle Welt fließen lassen.

Was Geld nicht ist

Weil wir so viel auf Geld projizieren, ist es hilfreich, klar zu benennen, was Geld nicht ist.

1. Geld ist nicht dein Wert

Du bist kein besserer Mensch, wenn du viel Geld hast, und kein schlechterer, wenn du wenig hast.

Geld zeigt höchstens, wie deine Gaben, deine Geschichte, deine Entscheidungen aktuell in dieser Welt eingebunden sind, aber dein innerer Wert ist nicht verhandelbar. Er lässt sich weder erhöhen noch mindern, egal, was auf deinem Konto steht.

2. Geld ist nicht automatisch Sicherheit

Natürlich kann Geld Sicherheit unterstützen: Es kann Puffer schaffen, Rechnungen zahlen, Luft verschaffen. Aber echte Sicherheit entsteht aus:

  • deinem Vertrauen in dich
  • deinen Beziehungen
  • deiner Fähigkeit, mit dem Leben zu sein

Eine Zahl auf dem Konto kann inneren Frieden nicht ersetzen. Wenn wir versuchen, Sicherheit nur über Geld herzustellen, werden wir oft noch nervöser, weil es „nie genug“ ist.

3. Geld ist nicht Liebe

Geld kann ein Ausdruck von Liebe sein: „Ich unterstütze dich“, „Ich möchte, dass es dir gut geht.“ Aber Geld ist nicht Liebe. Es kann Nähe nicht ersetzen, Verletzungen nicht heilen, und keine echte Verbundenheit erzwingen.

Umgekehrt kann Liebe ohne materiellen Boden auf Dauer erschöpfen und ausbrennen. Liebe und Geld gehören zusammen, aber sie sind nicht dasselbe.

Geld neu fühlen: Liebe, Achtsamkeit, Wertschätzung in Bewegung

Wenn wir Geld als Beziehungsmittel sehen, verändert sich die innere Frage.

Sie lautet dann nicht mehr nur: „Wie komme ich zu mehr Geld?“

sondern:

„Wie möchte ich mit Geld in Beziehung sein?“
„Was soll über Geld durch mich hindurch in die Welt fließen?“
„Wie sehr bin ich mit der Welt wirklich in Beziehung und wie genau sieht diese Beziehung aus? Also: Liebe ich die Welt und die Menschen?“

Geld wird dann zu einem Fluss, in dem du mitgestaltest:

  • Wohin darf deine Wertschätzung fließen?
  • Wen oder was möchtest du nähren?
  • Wo möchtest du dich selbst klarer sehen – und auch deutlicher zeigen?

Vielleicht ist Geld dann weniger ein kaltes Tauschmittel und mehr ein warmer Strom, in dem Liebe, Achtsamkeit und Wertschätzung Form annehmen.

Einladung zum Weiterdenken

Wenn du alles vergessen würdest, was man dir je über Geld erzählt hat, wie würdest du Geld dann beschreiben?

Und was würde sich in deinem Leben ändern, wenn du Geld ab heute als Beziehungsmittel betrachtest, also als Liebe, Achtsamkeit und Wertschätzung in Bewegung?

FAQ

Ist Geld nicht einfach nur ein Tauschmittel?

In vielen Wirtschaftsbüchern wird Geld als Tauschmittel beschrieben, das den umständlichen Tauschhandel ablösen sollte. Im Beitrag zeige ich eine andere Perspektive, inspiriert von David Graeber: Historisch war Geld oft zuerst ein Schuldschein, also ein Zeichen dafür, dass zwischen Menschen eine laufende Beziehung und ein unausgeglichener Austausch besteht. Geld ist damit mehr als ein neutrales Tauschwerkzeug.

Was meine ich mit „Geld als verdichtete Beziehung“?

Mit „verdichteter Beziehung“ meine ich, dass in einem Geldbetrag viele unsichtbare Fäden zusammenlaufen: die Beziehung zur eigenen Arbeit, zu Auftraggeber*innen, zu Menschen in der Lieferkette und zur Erde. In einem konkreten Geldfluss ist all das konzentriert und deshalb fühlt sich Geld selten neutral an, sondern oft sehr geladen.

Kann Geld aus deiner Sicht neutrale Energie sein?

Auf einer sehr abstrakten Ebene kann man Geld als Informations- oder Energiefluss sehen. Aber sobald Geld durch menschliche Beziehungen, Geschichte und Machtverhältnisse fließt, ist es nicht mehr neutral. Wenn Geld für mich verdichtete Beziehung ist, trägt es immer Qualitäten wie Vertrauen, Angst, Wertschätzung oder Kontrolle in sich und ist damit alles andere als neutral.

Was hat Geld mit Schuld und Schuldscheinen zu tun?

David Graeber beschreibt, dass Geld in vielen Kulturen lange Zeit eher als Schuldschein verstanden wurde: „Du schuldest mir noch etwas, wir merken uns das.“ Diese Schuld war nicht automatisch negativ, sondern Ausdruck einer laufenden Beziehung. Solange eine Schuld offen war, blieb ein Faden zwischen Menschen bestehen. Geld ist in dieser Sichtweise ein sichtbares Zeichen für Verbundenheit, nicht nur ein Zahlenspiel.

Was bedeutet es konkret, Geld als Beziehungsmittel zu sehen?

Als Beziehungsmittel zeigt Geld, wo und wie wir miteinander in Kontakt treten. Wenn ich dir Geld gebe oder du mir, sage ich damit zum Beispiel: „Ich sehe dich“, „Ich möchte, dass du weitermachen kannst“, „Ich gebe Raum für das, was du in die Welt bringst.“ Geld ist dann nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Liebe, Achtsamkeit und Wertschätzung in Bewegung oder eben auch Kontrolle, Angst und Macht, je nachdem, wie wir damit umgehen.

Heißt das, Geld ist etwas Gutes?

Geld ist für mich weder „gut“ noch „schlecht“, sondern eine verstärkende Kraft. Es verstärkt die Qualitäten der Beziehungen, durch die es fließt. In liebevollen, bewussten Feldern kann Geld nähren, Räume öffnen und Entwicklung ermöglichen. In verletzten, angstgesteuerten Feldern kann es trennen, Druck erzeugen und ausbeuten. Entscheidend ist, welche Haltung und welche Art von Beziehung wir mit Geld verbinden.

Wie kann ich anfangen, meine Beziehung zu Geld zu verändern?

Ein erster Schritt ist, Geld überhaupt als Beziehung zu betrachten und ehrlich zu beobachten, welche Gefühle und Geschichten es in dir auslöst. Du kannst dir Fragen aus dem Beitrag stellen, zum Beispiel: „Wie möchte ich mit Geld in Beziehung sein?“ und „Was soll über Geld durch mich hindurch in die Welt fließen?“ Kleine, bewusste Entscheidungen im Alltag – wem du Geld gibst, wofür, in welcher inneren Haltung – können dann nach und nach dein Geldfeld und dein Erleben von Fülle verändern.

PS: Wirtschaftswissenschaftler*innen würden diesen Text vermutlich nicht in ein Lehrbuch aufnehmen und das ist völlig in Ordnung. Er ist kein Fachbeitrag, sondern ein sehr persönlicher, subjektiver Blick auf Geld als Beziehung. Vielleicht macht er dir einfach Lust, deine eigene Sicht darauf zu erforschen.

Es grüßt dich herzlich

Tanja Richter


Tanja Richter - ein Portrait

Über die Autorin:

Tanja Richter begleitet Menschen dabei, in die Tiefe ihres Wesens einzutauchen, sich selbst liebevoll zu begegnen und in Verbindung mit der geistigen Welt zu wachsen. Ihre Arbeit ist geerdet, klar und schöpft aus jahrzehntelanger Erfahrung mit schamanischen Wegen, spiritueller Praxis und innerer Meisterschaft.

Erfahre mehr über Tanja Richter und ihre Arbeit …

Themen

    Geld in (Selbst)Liebe leben

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